Verhaltenswandel statt Bewusstseinswandel: Das Rätsel um die Anregung von Taten.

Es ist lang her, dass mich eine Veranstaltung für mehrere Tage ernsthaft nachdenklich gestimmt hat. Auf dem Symposium „Klimawandel im Kopf“ geschah dies in den Beiträgen vom Bremer Entwicklungsneurobiologen Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth. Er berichtete von nichts Geringerem als einem tiefgreifenden Verständnis für die Kluft zwischen vorhandenem Wissen und mangelnden Taten. Es ist das Dilemma zwischen guten Vorsätzen und kleinen Taten, das auch Claudia Langer in Ihrer Streitschrift „Die Generation Man-müsste-mal“ angerissen hat.

In der Gemeinwohlkommunikation für Nachhaltiges können wir signifikante Lehren aus derartigen Forschungsergebnissen ziehen. Vielleicht ist die erste Lektion, dass es noch nicht ausreichend ist, komplexe Zusammenhänge einfach und anschaulich aufzubereiten – obwohl ich Verfechter der Info-Grafik bleibe. Klassische Informationskampagnen müssen erweitert werden: Wir müssen Anknüpfungspunkte an die tiefe und individuelle Vorerfahrung der Rezipienten finden. So etwas ist ein bisschen wie der Austausch über die guten alten gemeinsamen Zeiten.

Wer ist schuld?

Niemand! Wie könnte denn ein vorsätzliches Fehlverhalten vorgeworfen werden, wenn in der Entstehung unseres Verhaltens jene Vernunftsgedanken nur oberflächlich sind. Die Ursachen für das Verhalten, dass uns in die multidimensionalen Krisen geführt hat, sitzen tiefer. Bevor aus unseren Gedankenspielen eine Tat entstehen kann, muss die „Option“ einem Abgleich mit unserer emotionalen Vorerfahrung und den unbewussten Motiven standhalten. Diese lassen sich im lymbischen System des Gehirns verorten. Nur wenn es dort auf eine vergleichbare positiv oder negativ verdrahtete Vorerfahrung und einen erkennbaren Eigennutzen trifft, kann das Belohnungsystem aktiviert werden. Diese Zeilen sollen nicht vortäuschen, dass ich dieses Thema nun ausreichend verstanden habe, aber es zeigt mir in welche Richtung Lernanstrengungen zielführend sind.

Neurowissenschaft für nachhaltige Entwicklung

Medial müssen wir also weniger in die allgemeine Breite gehen, sondern mehr die individuelle Tiefe der Persönlichkeiten ansprechen und erfassen. Erst wenn das neurowissenschaftlich beschriebene Belohnungssystem für etwas Sinnvolles anspringt, geschieht nachhaltiges Verhalten. Im Investitionsintensiven Bereich des Neuromarketings sind neurowissenschaftlich begründete Aspekte bereits populär. Wie aber können derartige Gehirnforschungsergebnisse verstärkt für Gemeinwohlthemen nutzbar gemacht werden? Ein Stück weit geschieht es bereits, durch all diejenigen, die mit einem glaubwürdig-konsistentes Verhalten zum Vorbild geworden sind. Die Macht liegt nicht im Geld oder im Wissen sondern im Vertrauen. Das Destruktive liegt nicht in einer Boshaftigkeit, sondern in der natürlichen Neigung an Gewohntem festzuhalten.

About the Author:

Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

2 Comments

  1. […] wichtig Dialoge sind, fiel mir bei einem Vortrag eines Neurowissenschaftlers beim Bremer Energiekonsens wie Schuppen von den Augen: Nur wer gut zuhört, kann den entscheidenden […]

  2. […] anderes Nudge kann aus dem Vergleich mit dem Nachbarn und Freunden gelingen, was mich an die Prinzipien der Gamification erinnert. Auf Stromrechnungen können beispielsweisen Angaben zum Durchschnittsverbrauch ähnlich […]

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