Licht und Schatten in der Skalierung nachhaltiger Märkte

Im Lichte klingt die Vision wunderbar: Wir wandeln Märkte wie die Energieversorgung und die Landwirtschaft bis die Menschheit in einer dauerhaft überlebensfähigen Gesellschaftsform lebt. Als business-as-usual Alternative kommt ein sehr unbequemer ökologischer Crash auf uns zu, von dem meine eigenen Enkelkinder bereits spürbar betroffen sein würden. Das will ich verhindern. Dennoch sollten wir in der hemdsärmligen Arbeit des Wandels nicht nur die eigenen Fehler reflektieren. Vielmehr müssen wir die Aktivitäten immer wieder ökologisch, ökonomisch und sozial optimieren.

Die Themen sind verwoben

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAWir müssen mehr vernetzt denken, denn die Realität ist es auch. Energie steckt im Transport, in Düngemitteln, in nachwachsenden Rohstoffen, in Gülle, in Kurzumtriebsplantagen und im Altholz. Klimaschutz braucht eine Emissionsreduktion in den Sektoren Energie und Landwirtschaft. Jedes Produkt lässt sich mittels einer Ökobilanz beschreiben und in seiner Energie- aber auch in seiner Ressourceneffizienz optimieren. In jedem Kauf und Nicht-Kauf stecken alle Folgen eines Produktes – wir tun gut daran uns dieser Verantwortung bewusst zu stellen. Mit jedem zusätzlichen Gramm CO2 in unserer Atmosphäre wird es künftig schwieriger unsere Nahrung und unsere Rohstoffe landwirtschaftlich herzustellen. Mit jedem Hektar intensiv bewirtschaftete Landwirtschaft sinkt die Anpassungsfähigkeit an die Klimafolgen heute und übermorgen. Feste Böden vertragen mehr Platzregen und Artenvielfalt ist robuster gegenüber Schädlingsplagen.

Die nachhaltige Entwicklung pubertiert

Change-kleinIn diesem Artikel will ich Fallstricke in der Skalierung von Nischen zum Massenmärkten beschreiben. Ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass zwar der verdrängende und verändernde Wandel notwendig und erstrebenswert ist, dass wir aber dabei aus Fehlern lernen müssen. Zu leicht verfällt man in den unreflektierten, selbstherrlichen Automatismus, dass alles Erneuerbare oder Ökologische per se gut sei und schimpft nur auf diejenigen, die dabei „Knüppel“ zwischen die Beine werfen. Natürlich gibt es finanziell-wirtschaftliche Interessenskonflikte und mächtige Interventionen. Auch gibt es jene Gegner wie die Windfeinde, die häufig wegen dem visuellen Teilaspekt die Energiewende vor Ort ablehnen, ohne für einen Lösungspfad zu sein. Nach der Pubertät sollten wir für jede anständig vorgetragene Kritik dankbar sein, diese reflektieren und daraus lernen. Allerdings erwarte ich auch von jedem Kritiker einen adäquaten Alternativvorschlag. Nur so können wir in eine konstruktive Diskussion kommen.

Tücken in der ökologischen Landwirtschaft

Zum kritischen Feedback an die Bio-Branchen konsultiere ich die folgende Doku von ARTE:

Vorweg will ich zur Doku kritisch anmerken: Fehler, schwarze Schafe etc. reflektieren nicht das Gesamtbild, sondern sind hier in der Aufmerksamkeit überhöht dargestellt worden. In einer solchen Berichtserstattung werden die vielen korrekt gelingenden Beispiele unfair mitbelastet. Anstelle dessen werden die schwarzen Schafe zu einer Gesamtillusion stilisiert.

Folgende Aspekte sollten dennoch zu denken geben. Die Nachfrage ist höher als das Angebot. In der Expansion gen Osten in Ländern wie Rumänien werden die traditionellen kleinbäuerlichen Strukturen vernachlässigt. Dem rumänischen Staat gelingt es nicht, das einseitige Abschöpfen durch Eliten zu verhindern. Für die Skalierung in einen Massenmarkt werden die Strukturen von Handelsketten benötigt. Zugleich steigern diese den Preisdruck und vernachlässigen die Regionalisierung. Der logistische Wahnsinn der globalisierten Welt passiert auch bei Bio im Supermarkt. Auch berichtet wird von Fehlförderungen der GTZ in Thailand, wo man eigentlich Bio-Garnelen sehen wollte werden noch immer Mangroven illegal abgeholzt und belastende konventionelle Mittel eingesetzt. Zertifizierungen sind teuer und teilweise intransparent. Der Ökoboom in China scheint besonders viele Fälschungen zu beinhalten. Aber auch hier in Niedersachsen haben Tierschützer einen ehemaligen Naturland Putenstall als qualvolle Einrichtung entblößt. In Spanien ist die Massenproduktion mit sehr billigen Arbeitskräften verwirklicht worden.

Bio-Fazit:

Es reichen weder ein kopfloses Vertrauen noch ein blindwütiges Misstrauen gegenüber den Siegeln. Es bleibt notwendig die Produkte zu hinterfragen und sich vertrauensvolle Quellen in der Region zu erschließen.

EB-Energiewende-GenerationenTücken der Energiewende

Auch hier ließen sich mehrere Bücher füllen. Allerdings als Erfolgsgeschichte mit durchwachsenen Episoden. Auf dem Podium steht das erneuerbare Viertel im Strommarkt. Vor uns liegen weitere 75 % + Wärme, Mobilität und Effizienz. Mit dem Massenmarkt trennt sich auch bei Erneuerbaren und Ökostrom die Spreu vom Weizen. Rolf Wüstenhagen hatte es bereits in seiner Dissertation im Jahr 2000 für den Ökostrommarkt beschrieben: Die idealistischen Pioniere müssen sich multiplizieren und das Niveau hoch halten. Die konventionellen Goliaths müssen sich wandeln und es durch die Stärke in die Breite tragen. Doch noch wandelt sich dort wenig. Es wird zu häufig nur ein grünes Mäntelchen angelegt, obwohl Klimakiller wie Kohlekraftwerke von den selben Marktteilnehmern betrieben werden. Im Ökostromsektor sind es die RECS-Zertifikate, mit der Ökostromprodukte angeboten werden können, ohne intensiv in Erneuerbare zu investieren. Ein weiteres Beispiel sind die Energiepflanzen: Vor dem aktuellen „Todesschnitt“ der Biogasbranche hatte der intensive Anbau von Energiepflanzen wie den Mais das „Bio“ im Biogas ad adsurdum geführt. Dennoch brauchen wir Agrargas im 100 % erneuerbaren Mix, um die Netzstabilität erneuerbar zu sichern. Auch die Gülle aus der Massentierhaltung ist ein Problem, nicht nur für die Tiere, sondern auch den Boden und das Wasser in das die Antibiotika gelangen. Eine weitere Tücke sind die Arbeitsbedingungen – hat jemals beim Preisdruck jemand nach den Arbeitsbedingungen in Produktionsländern gefragt? Eine weiterer blinder Fleck ist die Arm-Reich-Schere. Um im Gebäudebestand vollständig zu sanieren, braucht man ein gewisses Einkommen. Andere können maximal Einzelmaßnahmen finanzieren. Manche können sich eine Altbausanierung, einen Hauskauf an sich oder erneuerbare Heizungen oder smart-home schlicht nicht leisten. Es wäre schön, wenn es auch dabei mehr Möglichkeiten für „den kleinen Mann“ gäbe.

Eigentlich geht es um alle wirtschaftlichen Bereiche

Die beiden Mammutwenden in der Energie- und in der Agrarindustrie sind sehr wichtig. Eigentlich aber müssen sich fast alle Sektoren wandeln. Mir ist es noch nicht gelungen mich in weitere Bereiche wie fair trade, öko-faire Mode, CSR, MSC, FSC/PEFC, Ressourceneffizienz oder die Wasserverfügbarkeit intensiver einzuarbeiten. Die Energiewende selbst ist bereits extrem komplex und lässt sich nur schwer in den 24 verfügbaren Stunden bearbeiten.

Welche Tücken sind Ihnen in der Skalierung nachhaltiger Märkte aufgefallen?
Worauf sollten die Bio-Branche und die Energiewende-Branche mehr achten?

About the Author:

Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

Ein Kommentar

  1. Redaktion ichtragenatur.de 13. September 2014 um 13:36 - Antworten

    Tolle Seite mit guten Infos.

    Viele Grüße

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