Stromtrassen: Seehofer zwischen Wählern und Braunkohle

256px-2011-11-09_Horst_Seehofer_02In diesen Tagen ist Showdown: Geplante Stromtrassen sollen vor Ort durchgesetzt werden. In Bayern versuchte Ilse Aigner die Akzeptanzprobleme durch einen Energiedialog in den Griff zu bekommen, während ihr Chef positionslos zwischen den Forderungen laviert. Wie ist eigentlich der Plan für die Höchstspannungsleitungen entstanden?

Die süddeutsche Industrie braucht Ersatz für den Atomstrom. Leider wurde der bayrische Wind durch eine unsägliche Abstandsregelung gestoppt. Für Fernstrom aus Wind und Kohle braucht man wiederum andere Stahltürme für die Stromleitungen. Egal ob am Turm eine Leitung hängt oder sich ein Rad im Winde dreht. Wie im ganzen Lande akzeptieren auch in Bayern wenig Anwohner hohe Stahltürme in der eigenen Nachbarschaft. Wer schert sich schon um den Klimawandel, wenn das Panorama oder die Wiederwahl auf dem Spiel steht! Ist es leichter vor der Wirtschaft oder vor den Wählern zu kneifen? Derzeit redet sich Seehofer auf die Bürgerseite, denn im Wirtshaus wünscht man sich bereits den Edmund zurück.

Worum geht es in Bayern?

Die Süddeutsche Zeitung berichtet von Bayerns langer Leitung („Südlink“). Aigner versteht, dass man eine Trasse benötige. Die Süddeutsche Zeitung hält es für unnötig, dass der Verlauf der zweiten Leitung klar beschrieben wird. Klarer wird es durch das Zitat eines Gewerkschafters, der sich um Arbeitsplätze in Ostdeutschland sorgt. Die zweite Trasse hat dort ihre Anschlusspunkte, wo ein Überschuss an Kohlestrom besteht („Südost-Leitung“). Der BUND spricht sich gegen Kohlenetze aus. Auf den Kohleüberfluss machte auch die Agentur für Erneuerbare Energien in einem Studienvergleich aufmerksam. Dieses pikante Detail ist für die alte Energielobby (BDEW) wiederum egal. Dort diffamiert man lieber den Förderalismus. Er sei eine „organisierte Verantwortungslosigkeit“, so soll es Hildegart Müller gesagt haben. Früher hatte diese Cheflobbyistin im Kanzleramt gearbeitet. Wenn Aigner denn Offshorestrom in den Süden fließen lassen will, dann finde ich das in Ordnung.

Wie werden Stromtrassen geplant?

Die erste Skizze zur folgenden Karrikatur ist aus einem traurigen Anlass entstanden. Nach den Morden in Paris bei der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ wurde ein inspirierender Dokumentarfilm über die gesellschaftliche Bedeutung von Karrikaturen gezeigt.

Netzplanung

0. Übertragungsnetzbetreiber entstehen

Früher waren die Netze Teil der Energiekonzerne. Dies wurde teilweise entflechtet.

Tennet TSO: Entstanden aus erzwungenen Verkauf von E.ON Netz GmbH in 2010 an ein niederländisches Unternehmen. Mitarbeiter kennen sich nicht mehr.
50Hertz Transmission: Vattenfall Europe verkauft in 2010 sein Netz an Elia und 40 % an TSM. Mitarbeiter kennen sich nicht mehr.
Amprion: RWE verkauft 74,9 % in 2011 an Finanzinvestoren. Mitarbeiter kennen sich nicht mehr. Standorte sind in Dortmund.
TransnetBW: 100 % Tochter der EnBW. Mitarbeiter dürfen sich kennen.

1. Bedarf wird zusammen mit Übertragungsnetzbetreibern ermittelt

Bei der Bedarfsermittlung gab es vermutlich keinen Einfluss von Energiekonzernen auf Übertragungsnetzbetreiber. Innerhalb eines Jahres kennen sich Mitarbeiter nicht mehr. Die Schwaben, die können immer total differenziert sein, so wie es auch bei der arbeitenden Bevölkerung im Ruhrgebiet der Fall ist. So steht es auf www.netzausbau.de bei der Bundesnetzagentur:

Im Juli 2011 stellten die Übertragungsnetzbetreiber erstmals drei verschiedene Szenarien zur Konsultation, die die wahrscheinlichen Entwicklungen bei der Energieerzeugung und beim Energieverbrauch darstellen.

2. Übertragungsnetzbetreiber erstellen Netzentwicklungsplan

Auf der Grundlage des Szenariorahmens bestimmen die Übertragungsnetzbetreiber nun den notwendigen Netzausbau. Die Ergebnisse fassen sie in einem gemeinsamen Netzentwicklungsplan (NEP) zusammen.

3. Regierung entscheidet dann

Die Netzentwicklungspläne samt Umweltbericht gehen an die Bundesregierung. Sie werden nun Entwurf eines Bundesbedarfsplans genannt. Über diese Entwürfe wird abgestimmt. Gibt es an dieser Stelle eigentlich Gutachten, welche alle vorherigen Planungsschritte verifizieren?

4. Raumordnung für die Korridore

In der Planung der Raumordnung werden grobe „Korridore“ geplant, durch die dann die Leitungen gebaut werden sollen.

5. Plan wird für konkreten Leitungsverlauf genehmigt

Mit einem „Planfeststellungsbeschluss“ werden alle konkreten Details festgelegt. Nun können die Baumaschinen rollen.Mal schauen, wie Seehofer einen solchen Beschluss rechtfertigen wird. Ich vermute, dass er die Verantwortung auf Berlin schieben wird. Vielleicht wird dieser Netzengpass auch für die Forderung des Kapazitätsmarktes genutzt. Mit diesem würden dann die Gaskraftwerke wirtschaftlich werden.

Letzlich kommt Seehofer nicht am Bau von Masten vorbei. Er könnte sich für Windradmasten entscheiden und das ganze über Gas stabilisieren. Oder er nimmt die spannenden Leitungen aus dem Osten und dem Norden und verzichtet so herum auf Wähler. Der Typ hat sich in eine echte Zwickmühle laviert.

Auch wenn ich das ernste Thema etwas durch den Kakao gezogen habe ist mir klar, dass die Netzbetreiber bei der Planung befragt werden müssen. Wie aber steht es um unabhängige Zweitgutachten? Heute bestehen noch immer eindeutige Fragmente aus den historisch gewachsenen Verflechtung der Energiewirtschaft. Der Austausch der Manager und neue Eigentümer machen noch keine frische Struktur. Wie weit die Übertragungsnetzbetreiber die Absicht einer dezentralen Energiewende mit 100 % erneuerbaren Energien verfolgen ist eine offene Frage. An dieser Stelle ist eine Analyse der Betriebseinnahmen von Übertragungsnetzbetreibern erforderlich, um die  aktuellen wirtschaftlichen Triebfedern zu verstehen.

Das Foto von Horst Seehofer ist von Michael Lucan, Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Welchen Netzausbau wünschen Sie sich für welche Art der Energiewende? Ich freue mich auf Ihre Einschätzung.

By |2018-12-28T13:57:48+00:0003 Feb 2015|Change Management, Energiewende, Intelligente Stromnetze, Kohleaustieg|7 Comments

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Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

7 Comments

  1. DEZ Moderator Hubertus Grass 10. Februar 2015 um 19:40 - Antworten

    Lieber Kilian Rüfer,
    der Strommixgenerator ist für diese Diskussion das falsche Tool, denn der beschreibt nur den wahrscheinlichen Strommix für den Haushalt zu einem gewähltem Zeitpunkt. Der Haushalt in Lauchstädt hat nix mit dem Strom zu tun, der nach Bayern fließt.

    • Kilian Rüfer 10. Februar 2015 um 19:48

      Nun gut. Was wäre denn das bessere Tool? Ein Szenario für 2035 beschreibt noch weniger den aktuellen Strommix. Gibt es denn eine bessere öffentliche Quelle für den Strommix an einem Einspeisepunkt? Bislang habe ich nur Gesamtwerte für die Bundesrepublik zwischen die Finger gekriegt.

  2. DEZ Moderator Hubertus Grass 4. Februar 2015 um 12:21 - Antworten

    Über welchen Kohleanteil reden wir hier? Schon im Szenario für das Jahr 2034 liegt der Anteil der Kohle (immer installierte Leistung) unter 30 GW, der Anteil der Erneuerbaren bei über 173 GW.

    Wenn wir EE auch für andere Prozesse (Wärme + Mobilität) benutzen, reden wir über zu installierende Leistungen von 400 GW Erneuerbare so z. B. Prof Quaschning (http://www.volker-quaschning.de/artikel/2014-11-Zielkorridor-ohne-Ziel/index.php). Das, was jetzt durch an Kohlestrom durch die Netze fließts, ist dagegen mengenmäßig ein Witz.

    Hier die Zahlen des Szenarios 2034.
    http://www.netzausbau.de/SharedDocs/Downloads/DE/Charlie/Szenariorahmen/Szenariorahmen2024_Genehmigung.pdf?__blob=publicationFile

    • Kilian Rüfer 10. Februar 2015 um 17:31

      Ihre Diskussion ist an dieser Stelle nicht plausibel. Am Einspeisepunkt in Lauchstädt würde heute laut Strommix-Navigator folgender Mix eingespeist werden, der für Bayern bestimmt ist:

      • 56% Braunkohle
      • 12% Erdgas
      • 10 % Wind
      • 8% Mineralölprodukte

      Strom für Mobilität ist doch nicht auf diese Leitungen angewiesen. Bei der Wärme mag es zentrale und dezentrale Stromanwendungen geben. Auch gibt es das Biogas und Windgas im BHKW, Solarthermie und auch noch die Biomasse.

  3. Ernst Träbing 4. Februar 2015 um 11:05 - Antworten

    Bayern könnte durch einen Energiewende-Innovations-Start seine Freistaat-Probleme lösen und stattdessen die bundesweite Führung übernehmen. Dazu genügt ein Blick ins Grünbuch-Konsultationsverfahren für einen regionalen Modellstart des physilalischen Flexibilisierungsmaßstabes Fx. Der ist für diese Energiewende und die künftige Flexibilitätswirtschaft so bedeutsam wie der Geschwindigkeitsmaßstab der ersten Energiewende für die heutige Mobilitätswirtschaft. Schon die Veröffentlichung unter Ernst T. und dem 10.12.14 war ein Flexibilitätswunder, denn die Einreichung war erst am 14.12. erfolgt.

  4. DEZ Moderator Hubertus Grass 4. Februar 2015 um 07:21 - Antworten

    Die im Artikel dargelegte Option, entweder Strom- oder Windmasten zu bauen, ist ein Scheinargument. In Bayern gibt es viel zu viele Stunden, in den weder der Wind noch die Somme Strom produziert. Man schaue sich auch einmal Bedarf und Potentiale an, dann wird man entdecken, dass die Energiewende in Deutschland nur funktionieren wird, wenn der Strom aus den Windrädern des Nordes (On- + Offshore) nach Süden geleitet werden muss.
    Es schadet der Diskussion im übrigen nicht, wenn man sie vom Abstraktem zum Konkreten führt und sich die Zahlen (Ew. Bayerns, Wirtschaftsleistung, Strom-, Wärmebarf, Mobilität etc) mal ansieht.

    • Kilian Rüfer 4. Februar 2015 um 08:30

      In dem „Scheinargument“ war das Gas mit enthalten. Um den Südlink müssen wir nicht streiten. Also räume ich gerne ein, dass zweierlei Masten nötig sind. Die Windparks auf See und der Bedarf im Süden sind da, sie sind erneuerbar und ich bin dafür, auch wenn effizientere Lösungen möglich gewesen wären. Mich stört der Kohleanteil und damit möglicherweise eine Überdimensionierung der Leitung von Ost nach Süd. Besonders absurd aber ist die Rhetorik Seehofers. Es ist auch ein Scheinargument, wenn bei den Leitungen nur von (On- + Offshore) gesprochen wird. Freue mich über die Diskussion und würde auch gerne einen für Bayern konkretisierenden Artikel lesen, wenn denn nicht wieder die Kohle dabei übergangen wird. Es bleibt dabei, dass Klimafolgen und Rohstoffkonflikte gemildert werden müssen.

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