Videointerview mit Hans-Josef Fell zu G7 und dem Weg zwischen Dezentralität und dem Netzausbau

Mein Highlight auf der Intersolar war unser Interview mit Hans-Josef Fell. Mich inspirieren Menschen, die wirklich für eine Sache brennen uns sich dafür langfristig integer einsetzen. Menschen wie Herr Fell wirken ganz anders, als die Mainstream-Übermittler diplomatisch-ausgehandelter Sprachregelungen. Unsere Fragen stellte die österreichische Energiebloggerin Cornelia Daniel. Die Antworten des Autors des Erneuerbare Energien Gesetzes aus dem Jahr 2000 habe ich heute auf unseren neuen Youtube-Kanal der Energieblogger geladen. Es ging um nicht weniger, als den spannenden Blick auf das große Ganze.

Unsere Interviewfragen in München waren:

  • Was sagen Sie zu den G7-Beschlüssen aus Elmau? (Dekarbonisierung bis 2100)
  • Dezentral vs. Zentral: Ist es besser zuhause zu speichern oder Netze auszubauen?
  • Wie sehen Sie das Engagement der Energieversorger in erneuerbare Energien?

Hans-Josef Fells Antworten:

Natürlich mache ich mir auch meine Gedanken zu den drei diskutierten Themen:

G7: Merkel pflegt Doppelmoral

IMG_2352.JPGEs ist bemerkenswert. In den letzten Wochen glänzt Angela Merkel durch Zurückhaltung in der Diskussion um die Klimaabgabe, um die ein großes „Jammerkonzert“ aufgetreten war. Der Gegenwind kam von vielen Seiten. Merkel schwieg und Klimaschützer hofften auf die Durchsetzungskraft des Goslarers Energieministers – er knickte offenbar ein. Bizarre Gewerkschafter, die Zugleich in Aufsichtsräten von Energiekonzernen sitzen, scheuchten Arbeiter zu Demonstrationen. Das Verhältnis zwischen Arbeitsplatzverlusten und Chancen auf neue Arbeitsplätze wurde außer acht gelassen.

Dieselbe Bundeskanzlerin tritt nur kurz danach mit Ethos und verbalen Wertgemeinschaften im bayrisch abgeschirmten Elmau vor die Kameras und berichtet von den stolzen G7 Dekarbonisierungsbeschlüssen. Im Fernsehen wird ein feiernder Greanpeacer gezeigt und andersorts knallen die Sektkorken der Nuklearbranche. Das ist inkonsistent – auch wenn es theoretisch ein Anfang vom bitter nötigen Kohleaustieg sein könnte.

Haben die die Grünen ihren besten Energiepolitiker fallen lassen?

Fell.JPGEinst war Hans-Josef Fell energiepolitischer Sprecher und hat im Jahr 2000 maßgeblich am Erneuerbare-Energien-Gesetz mitgewirkt. In diverse Staaten wurden die „feed-in tarrifs“ (Einspeisetarife) übertragen. Niemand verkörpert den Markenkern der Grünen aufrichtiger als Herr Fell. Seine derzeit kleinere politische Rolle soll am schlechten Wahlergebnisses der Grünen in 2013 liegen. Er konnte nicht wie bei den vorherigen Wahlen über die bayrische Landesliste in den Bundestag einziehen. Gab es wirklich keine Option für die Parteispitze diesen Mann in Berlin zu halten? War es „Koalitionskalkül“, durch das der Markenkern aufgeweicht worden war?

Das Comeback muss kommen – auch wenn es weitere gute Klimaschutz-Politiker gibt.

Dezentralität mit Speichern oder Übertragungsnetze?

Die Diskussion darum ist kontrovers und die meisten Aussagen und Quellen sind in beide Richtungen interessensverzerrt. Fell rät zu einem mir sympathischen Mittelweg. Als seriöse Quellen nannte er zwei Institute der Fraunhofer-Gesellschaft:

Eine große Metastudie zu Stromspeichern gibt Antworten auf die Wirtschaftlichkeit und dafür erforderlichen Rahmenbedingungen. Als erstes muss zwischen Kurzzeitspeichern und Langzeitspeichern unterschieden werden. Nur die Langzeitspeicher stehen im Wettbewerb mit dem Ausbau der Übertragungsnetze. Auf Seite 44 steht:

Volkswirtschaftliche Einsparungen werden nur dann erzielt, wenn sich die Investitionskosten für Langzeitspeicher sehr günstig entwickeln und andere, günstigere Optionen wie Netzausbau und flexible Stromerzeugung mit KWK und Biomasse in dem Szenario „unflexibel“ nicht ausgeschöpft werden.

KWK, Netzausbau und Biomasse sind also billiger als Langzeitspeicher. Man könnte also teurere Speicher wählen, wenn kein Netzausbau stattfinden würde. Einen Gegenentwurf zum Übertragungsnetzausbau hat Daniel Bannasch von Metropolsolar skizziert. Das Ganze hat noch nichts mit den Speichern für die Solaranlage zu tun.

Der volkswirtschaftliche Vergleich zwischen Kurzeitspeichern kann nur mit kurzfrstigen Flexibilitätsoptionen sowie der Modernisierung des Verteilnetzes gemacht werden. So heißt es auf Seite 205:

Die Wirtschaftlichkeit von Speichern im Vergleich zu anderen Flexibilitätsoptionen hängt wesentlich von den ggf. impliziten Annahmen der betrachteten Studien ab.
Zur Beurteilung von Speichern als Alternative zum Verteilnetz mangelt es an vergleichbaren, deutschlandweiten Studien.

Die Unkenrufe, dass Speicher per se zu teuer seien, sind nicht erwiesen.

Sind Erneuerbare von Energiekonzernen gut?

In meinem Artikel „Strategien für Schnelligkeit in der Energiewende“ habe ich meine Antwort zu dieser Frage aufgeschrieben. Ich stimme darin überein, dass jede ausgebaute erneuerbare Kapazität grundsätzlich gut ist. Jedoch halte ich es für erforderlich, dass die Akteursvielfalt in einer solchen Weise steigt, dass Akteure ohne wirtschaftlichem Interesse an konventionellen Energien zu politischem Einfluss gelangen. Nur so kann die Energiewende beschleunigt werden.

Über den Autor:

Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

4 Kommentare

  1. Andreas 19. Juni 2015 um 10:49 Uhr - Antworten

    Interessant am Ende, wir brauchen alle Akteure zum Ausbau der Erneuerbaren Energien, auch die großen Energiekonzerne – die meines Erachtens manchmal noch ideenlos und hilflos wirken.

    • Kilian Rüfer 19. Juni 2015 um 11:45 Uhr

      Ich denke, da an eine „sowohl als auch Haltung“. Wie geschrieben: Es ist gut wenn Energiekonzerne Erneuerbare machen. Wenn es aber keine weiteren Akteure gibt, dann wird es bei dem langsamen Tempo bleiben und Uniper laufen bis das Klima endgültig kaputt ist.

  2. Frank Urbansky 19. Juni 2015 um 10:36 Uhr - Antworten

    Sehr aufschlussreich. E.ON würde ja demnach alles richtig machen, weil es ja seine fossilen Interessen an Uniper auslagert, und nur noch auf Erneuerbare setzt, oder?

  3. Kilian Rüfer 17. Juni 2015 um 09:36 Uhr - Antworten

    Ein interessanter Einwand und Artikel kam von Fabio auf dem Zwitscherkanal:

    Hier der Link aus dem Tweet: https://www.dialog-energie-zukunft.de/wir-brauchen-energiespeicher/#inhalt

    Ich hätte gar nicht gedacht, dass auf dem EnBW-Blog eine solche Kontroverse möglich ist. Bislang hatte ich da in Netzfragen mehr den Eindruck, dass die Konzernlinie vorrang haben würde. Kompliment!

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