Über Arbeitsplätze im Energiesektor

Wenn ich früher eine Nachricht zu bedrohten Arbeitsplätzen gelesen hatte, dachte ich, dass es nur um Angstmache und Druckmittel gehen würde. Heute verstehe ich, dass es weit mehr als ein „Totschlagargument“ ist. Es ist wirklich so, dass ein Arbeitsplatz sehr viel wert ist. Wenn man bei den Bedürfnissen der Einzelnen anfängt, dann wird schnell deutlich, dass alle ihre Brötchen mit nach Hause bringen wollen und auch ein Dach über dem Kopf haben wollen. In diesem Artikel geht es um die Verschiebungen von Arbeitsmarktzahlen in den Dekaden der Energiewende. Auch will ich Ihnen Zahlen bieten, mit denen Sie andere Arbeitsmarktzahlen einsortieren können.

Sinnstiftende Neigungsberufe

Ich finde es gut, beim Arbeiten weitere Aspekte als das reine Überleben zu beachten. Es ist schön, wenn man das eigene Tun für sinnvoll hält. Auch ist es ein Genuss die Dinge zu tun, die einem gut liegen und bei denen man Leidenschaft entwickelt. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man jemanden wirklich unterstützen kann. Dies muss nicht sein und kann auf keinen Fall immer so sein; aber immer wieder. Auch ist es so, dass durch die Arbeit und den Konsum Steuern eingenommen werden. Selbst wenn man das Agieren der Herrschenden kritisch durchleuchtet, ist es schon so, dass über die Hälfte der Steuereinnahmen für richtige und wichtige Dinge eingesetzt werden. Je nach persönlichen Wertemaßstäben kann dieser gefühlte Anteil auch weit höher ausfallen.

Sind alle Arbeitsergebnisse gleich wertvoll?

An dieser Frage war einst eine Freundschaft zerbrochen. Ich währte mich gegen die Gleichmacherei von Arbeit. Betriebswirtschaftlich betrachtet folgen aus unterschiedlichen Arbeiten auch unterschiedliche Wertschöpfungsbeträge. Auch ist es immer eine Frage, was aktuell nachgefragt bzw. gebraucht wird. Volkswirtschaftlich betrachtet unterscheidet sich ebenfalls die Wertschöpfung für das Land. Ökologisch und Sozial betrachtet gibt es ebenfalls signifikante Unterschiede in gestärkten oder geschwächten Werten. Hier haben wir ein Messproblem, da wir uns nicht in einer mehrdimensionalen Währung bewegen. Wir haben nur ein kluges Tauschmittel, mit dem man Dinge, Naturgüter und Menschen bewegen kann. Die Einpreisung externer Kosten ist leider bislang schwer durchsetzbar, wenn man beispielsweise den noch immer unwirksamen Emissionshandel betrachtet.

Schauen wir uns die Zahlen an

Mit welchen Annahmen das folgende Zahlenmaterial erstellt worden ist habe ich nicht bis ins Detail ergründet. Das liegt daran, dass der Methodenteil in allen Quellen zu sehr versteckt oder gar weggelassen worden war. Dennoch finde ich die Vergleiche auch mit einer Unschärfe interessant, um ein besseres Gefühl für die Relevanz von Arbeitsplatzargumenten zu entwickeln, auch wenn man mir den Vergleich von Äpfeln mit Birnen vorwerfen mag. Auch muss man wissen, dass sich manche der folgenden Zahlen überschneiden.

Aktuelle Beschäftigungssituation in Energiesektoren

(DESTATIS: Beschäftigung in Energie und Wasserversorgung)
176.538
Elektrizitätsversorgung
15.984
Gasversorgung
15.512
Wärme- und Kälteversorgung
208.034
Jobs in Energieunternehmen mit über 20 Beschäftigten (Aug 14)
31.819
Vattenfall
(Geschäftsbericht 2013, Abgerufen am 19.5.2014)
20.098
EnBW
(31. Dez. 2012)
62.239
E.ON
(Geschäftsbericht 2013, Abgerufen am 8.5.2014)
66.341
RWE
(Geschäftsbericht 2013, Abgerufen am 4.3.2014)
180.497
Jobs bei großen Energieversorgern
BMWi: Beschäftigte im Ausbau der Erneuerbaren
371.400
Jobs im Ausbau Erneuerbarer Energien(2013)
DENEFF: Branchenmonitor Energieeffizienz 2014
848.000
Jobs in der Energieeffizienz

Kernaussagen zu Arbeitsplätzen in der Energiewende

  • Im Sektor der erneuerbaren Energien sind mehr Menschen beschäftigt, als bei den vier großen Energiekonzernen zusammen.
  • Zwischen 2012 und 2013 sind im Bereich der erneuerbaren Energien 28.400 Arbeitsplätze verloren gegangen.
  • Die Energiepolitik hat in diesem Jahr mehr Arbeitsplätze gekostet, als bei EnBW arbeiten. Diese Folge enspricht etwa einer Halbierung von E.ON oder RWE.

Natürlich übertreibe ich, wenn ich die Arbeitsplatzverluste im Sektor der erneuerbaren Energien ausschließlich der Politik in die Schuhe schiebe. Dennoch erscheint mir die Entwicklung der Rahmenbedingungen als der wichtigste Faktor in dieser Arbeitsplatzentwicklung. Viele Jobs gingen in der Photovoltaik kaputt. Man hätte diese Unternehmen in einer solchen Weise unterstützen können, wie es die Volksrepublik China getan hat. Anstelle dessen beschuldigt man Peking des Dumpings und belegte Module mit Strafzöllen.

Undurchsichtig sind für mich die aggregierten Zahlen der DENEFF zur Energieeffizienz. Ich konnte weder die Quellenangaben noch die Methodik finden. Daher kann ich leider die Belastbarkeit der hohen Zahl nicht abprüfen. Ich würde mich dort über eine nachträgliche Information freuen, da mir dieser Sektor besonders am Herzen liegt.

Wie ändert sich die Beschäftigung mit der Energiewende bis 2020?

Mit der Energiewende gehen Arbeitsplätze in Atom- und Kohlekraft verlohren. Zugleich werden neue in erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz geschaffen. Diese Zahlen müssen fair gegenübergestellt werden, wobei es auch zu individuellen Schicksalen kommen kann, wenn beispielsweise keine Umschulungen nicht gelingen oder sich die Lebensmitte der Arbeitenden verschiebt.

  • 220.000 Erneuerbare Jobs + 257.000 Effizienzjobs = 477.000
  • 2 x 180.497 Jobs in Energiekonzernen in 2013 = 360.994

Selbst wenn die folgenen Prognosen überzogen sein sollten, würden durch eine Energiewende ohne Kohle und Atom mehr Jobs gewonnen werden, als verlohren gehen.

Wenn die Quellen stimmen, dann können durch Erneuerbare und Effizienz bis 2020 doppelt so viele Arbeitsplätze entstehen, als heute bei den vier Energieversorgern arbeiten, bzw. als in allen Energieunternehmen mit über 20 Beschäftigten arbeiten (Viele Stadtwerke und Gemeindewerke). Vielleicht werden Teilbereiche verschmelzen, wenn Konzerne vollständig auf Erneuerbare setzen würden. Dies zeichnet sich nach meinen Kenntnissen noch nicht ab, wenn man das die Analyse des Investitionsverhaltens aus dem Jahr 2009 betrachtet.

Der frühere Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) präsentierte in 2009 eine Studie. In der Pressemitteilung stand Energieeffizienz schafft neue Arbeitsplätze in Deutschland und senkt Kosten. Man könne 260.000 neue Arbeitsplätze bis zum Jahr 2020 schaffen. In der Pressemitteilung war keine Quelle angegeben. Journalisten sollen offenbar die Quellen nicht lesen oder gar selbst recherchieren. Vielleicht will man so die Interpretationsspielräume eingrenzen. Die Absicht könnte auch ein Anruf in der Pressestelle sein, um sich zu erklären. Die Quelle ist die Kurzstudie zu Energieeffizienz, Wachstum und Beschäftigung Analyse der Potenziale und volkswirtschaftlichen Effekte einer ambitionierten Effizienzstrategie für Deutschland. Präziser ist dort eine erwartete „Nettomehrbeschäftigung (gegenüber der Referenz) von rund 257.000 (2020) Beschäftigten“ notiert.

Die Zahl der Arbeitsplätze im Bereich Erneuerbare steigt rasant, so schreibt es der Bundesverband der Erneuerbaren Energien auf seiner Website. Interessant finde ich die Darstellung, in denen neben den unterschiedlichen erneuerbaren Branchenzweigen, auch die Arbeitsplatzverluste im Kohle- und Atomkraftsektor benannt werden. Die Quelle ist direkt angegeben.

Was ist mit den Arbeitsplätzen, die durch die gebremste Wende nicht entstehen?

Zu den Auswirkungen des Referentenentwurf s des EEG 2014 auf die Wertschöpfung und Beschäftigung durch EE bis 2020 hat das IOEW eine Kurzstudie gemacht. Diese Frage will ich heute nicht beantworten, lesen bzw. schreiben Sie dazu bitte selbst. Dieser Artikel ist bereits ein wenig zu lang.

Schlagzeilen auf dem Prüfstand

„Nordrhein-Westfalen 240.000 Arbeitsplätze hängen an der Energiewirtschaft“, so berichtete die WIWO. NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) würde sich dagegen wehren, dass Strom aus Wind und Sonne die Steinkohlekraftwerke der nordrhein-westfälischen Energieunternehmen wie RWE, E.On und Steag verdrängen. Seine geschätzte Zahl für NRW übertrifft die von DESTATIS erhobene Zahl von 208.034 Jobs in Energieunternehmen mit über 20 Beschäftigten in August 2014. Zu diesen Unternehmen gehören auch Betreiber von erneuerbaren Energien. Was soll dafür die Quelle sein?

Verdi: Zehntausende Arbeitsplätze in Energiewirtschaft bedroht Ich wüsste gerne, warum sich Verdi nicht für Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien einsetzt. Verdi-Bundesvorstand Erhard Ott sorgt sich um 20 000 Jobs. Das in 2013 im Bereich der erneuerbaren Energien 28.400 Arbeitsplätze verloren gegangen sind, dass steht dort nicht. Die Rolle der Gewerkschaften bedarf auch einer näheren Betrachtung. Ein Arbeitskampf pro Erneuerbare habe ich noch nicht gesehen. Geht doch mal dafür in Berlin auf die Straße!

About the Author:

Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

11 Comments

  1. […] arbeitslos – von denen nur ein Teil in Nachfolgegesellschaften unterkommen würde. Die Entlassungen wären zwar geringer, als bei der politisch fabrizierten Demontage der einheimischen Photovoltaik-Industrie. Das jedoch […]

  2. […] investiert wird, dann können Arbeitslose Mitarbeiter zur grünen Schwester wechseln. In der Summe wächst mit der Energiewende die Anzahl der Arbeitsplätze. Dieser Aspekt stimmt mich optimistisch. Der BdEW und weitere Interessensvertreter müssten nun […]

  3. […] in Aufsichtsräten von Energiekonzernen sitzen, scheuchten Arbeiter zu Demonstrationen. Das Verhältnis zwischen Arbeitsplatzverlusten und Chancen auf neue Arbeitsplätze wurde außer acht […]

  4. […] Stop des Klimawandels können – dies hat die Menschheit bereits versäumt. Über den Verlust von Arbeitsplätzen hatten wir bereits berichtet – es sind mehr als bei ganz Vattenfall oder EnBW […]

  5. […] uns an schlechte Nachrichten nicht gewöhnen, sondern müssen aus der Not eine Tugend machen. Der Arbeitsmarkt für Solarspezialisten ist verheerend. Die noch amtierende Bundeskanzlerin sprach von einer  “Atempause für die […]

  6. Andreas Kühl 19. November 2014 um 22:27 - Antworten

    Lieber Kilian,
    Danke Dir für die Berücksichtigung des Bereichs der Energieeffizienz, der sonst oft vergessen wird. Die Zahl zeigt, dass man diesen Bereich nicht vergessen kann.

  7. Udo Springfeld 19. November 2014 um 09:50 - Antworten

    Wertvoller Beitrag Zur Einordnung und treffende Kommentare: Man muss sich als Sozialdemokrat (und sich auch in anderen Parteien) leider auch immer wieder Kommentare anhören, in denen ein Zusammenhang zwischen den Spitzenpersonalwechseln, Sponsoren und Spendern in/aus den großen Energiekonzernen hergestellt wird und man muss sich seit den letzten Energiewenden gefallen lassen keine verlässliche Mittelstandspolitik mehr zu machen.

    • Kilian Rüfer 19. November 2014 um 11:04

      Hallo Herr Springfeld, vielen Dank! Im Ergebnis sehe ich zweifelsfrei den Gesamtkurs der abgebremsten und konzernschützenden Energiewende kritisch. Klimaschutz gelingt nicht und die Arbeitsplätze in einem mittelständischen Innovationsfeld sind gefährdet. Jedoch weiß ich wenig um die Beweggründe der Entscheidungstragenden. Deshalb ist in meinen Augen die schonungslose Transparenz im Politikgeschäft eine so wichtige Forderung. Dabei würde man auch mit falschen Phantasien aufräumen.

  8. Tina Ternus 19. November 2014 um 00:46 - Antworten

    zur Info:
    Allein in der Photovoltaikbranche sind zwischen 2012 und 2013 44.300 Arbeitsplätze verloren gegangen.
    http://www.pv-magazine.de/nachrichten/details/beitrag/photovoltaik-jobs-haben-sich-in-einem-jahr-halbiert_100015399/
    Man stelle sich diese große Zahl in so kurzer Zeit mal für die Metall- oder Automobilbranche vor. Die Gewerkschaften stünden Kopf !!

    Und übrigens sind diese Arbeitsplätze auch nicht alleinig durch eine „chinesische Billig-Konkurrenz“, wie es in Schlagzeilen von FAZ, WiWo, Spiegel, Focus usw. rauf und runter gebetet wurde, verloren gegangen. Ein Großteil der Arbeitsplätze waren im Handwerk, das sowohl deutsche, europäische, als auch chinesische Module verbaute. Diese Arbeitsplätze hatten keine Konkurrenz durch Chinesen. Zumindest habe ich nicht einen Chinesen gesehen, der sich ins Flugzeug setzte, um auf hiesige Dächer zu klettern und Sparrenanker festzuschrauben 😉 Nein, es waren unzählige regionale Handwerksfirmen, die zumachen mussten. Und auch weiterhin zumachen, da eine bestens durch den BDEW beratene Regierungspolitik bei jedem kleinsten Geschäftsmodell, das sich ganz unabhängig von EEG-Förderung als Lichtfunken am Horizont zeigt, sofort dazwischen grätscht und mit dem Knüppel drauf schlägt. Die lästige Konkurrenz für die konventionelle Energiewirtschaft soll offensichtlich beendet werden.

    Doch eine Idee, die einmal gedacht wurde, lässt sich nicht mehr aufhalten. Sie lässt sich vielleicht entschleunigen, aber nicht beenden. Technologische Strukturwandel vollzogen sich schon immer viel rascher als sich das Vertreter und Verfechter alter Strukturen wünschten und sich vorstellten: Ob beim Bau der Eisenbahnen, bei der Automobilität oder bei der IT-Revolution seit 1985.

    • Kilian Rüfer 19. November 2014 um 08:52

      Tina das stimmt. In Wind und Geothermie waren noch immer Arbeitsplätze geschaffen worden. Dahingegen haben Solarwärme und Solarstrom empfindliche Einschnitte hinnehmen müssen.

      2013 2012
      119000 104000 15000 Wind onshore
      18800 17800 1000 Wind offshore
      56000 100300 -44300 Photovoltaik
      11400 12200 -800 Solarthermie
      1100 1400 -300 Solarthermische Kraftwerke
      13100 12900 200 Wasserkraft
      1500 1400 100 Tiefengeothermie
      15800 15000 800 oberflächennahe Geothermie
      49200 50400 -1200 Biogas
      28600 28800 -200 Biomasse Kleinanlagen
      23000 22900 100 Biomasse Heiz-/ Kraftwerke
      25600 25400 200 Biokraftstoffe
      8300 7300 1000 öffentlich geförderte Forschung / Verwaltung
      371400 399800 -28400

      Die Interprätation des BMWi halte ich für halbrichtig „Wie 2012 lässt sich diese Tendenz in erster Linie auf einen Preiseffekt zurückführen, d.h. es lassen sich dieselben oder sogar gestiegene Neukapazitäten mit weniger Geld bereitstellen.“ Wir könnten im eigenen Land die Infrastrukturförderung entsprechend der chinesischen Politik gestalten. Wegen des hohen Automatisierungsgrades würde so die Wettbewerbsfähigkeit einheimischer Werke sichergestellt werden. Das Problem hoher Gaspreise und teurer Arbeitskräfte besteht nicht. Diese Zeile ist leider zu spät geschrieben und an falscher Stelle.

  9. Philip Zimmermann 18. November 2014 um 14:49 - Antworten

    Leider vertreten Gewerkschaften fast ohne Ausnahme nur jene Arbeitnehmer, die sich unter ihrem Schutz befinden. Kleine Installateurs- und Wartungsbetriebe sowie Planungsbüros zählen meist nicht dazu, da die Mitarbeiter oft nicht gewerkschaftlich organisiert sind.

    Hoffen wir, dass diese Chance auf arbeitsreiche Jahre in den Erneuerbaren Energien nicht verpasst wird. Da die Gewerkschaften hier nicht laut genug sind, müssen die Verbände für ausreichend Lautstärke sorgen.

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