Energieblogger suchen das beste Ökostrom-Reformkonzept! Kandidat: „Richtung wechseln, Energie neu denken – das Stromsystem fit machen für das 21. Jahrhundert“

 Wir Energieblogger suchen „Germany’s Next Top EEG“. Als Crowdsourcingprojekt wollen wir die Transparenz unter den verschiedenen Reformvorschläge zum Erneuerbaren Energien Gesetz erhöhen. Unser Ziel ist es jenes Konzept zu finden, welches die Bürgerenergiewende am meisten vorantreibt: Das Top-EEG. Dafür befragen wir die Ersteller diverser Konzepte mit einem einheitlichen Fragebogen. Heute stelle ich ein Konzept vor, welches die Energieökonomin Prof. Dr. Claudia Kemfert und der Politiker Matthias Machnig (SPD) im Bundestagswahlkampf präsentiert hatten.

Weitere Details zum vergleichenden Wettbewerb finden Sie bei Initiatorin Cornelia Daniel-Gruber und auf unser Energieblogger-Website.

Ich hatte Claudia Kemfert unseren „Interviewleitfaden: Germany’s Next Top EEG“ gemailt und in einer Rekordzeit unkompliziert die Antwort erhalten, wofür ich mich noch einmal herzlich bedanken will. In dem Konzept geht es um einen Markt, mit dem der Ausgleich der schwankenden erneuerbaren Energien organisiert werden kann:

Richtung wechseln, Energie neu denken – das Stromsystem fit machen für das 21. Jahrhundert

Legende: Fragen sind fett und Antworten sind kursiv geschrieben.

Erscheinungsdatum: 28.8.2013
Autoren: Claudia Kemfert, Matthias Machnig
Quelle: http://www.claudiakemfert.de/fileadmin/user_upload/pdf/Integriertes_Stromsystem.pdf

Kurzbeschreibung des Konzeptes:

Flexibilitäts- und Speichergesetz: Reform der Regelenergiemärkte, u.a. durch

  • Öffnung für kleinere Anbieter und vor allem für Erneuerbare Energien
  • Tägliche Ausschreibung der Regelenergie
  • Ergänzung des Leistungsmarkts durch einen Markt für elektrische Arbeit

1. Wie unterscheidet es sich vom bisherigen EEG bzw. warum meinen Sie, dass das bestehende geändert werden muss?

Die Erneuerbaren Energien müssen nicht in das bestehende Stromsystem
integriert werden. Vielmehr muss umgekehrt ein neues Stromsystem an den steigenden
Anteil der Erneuerbaren Energien angepasst werden.

1. Reform der Regelenergiemärkte, u.a. durch

  • Öffnung für kleinere Anbieter und vor allem für Erneuerbare Energien
  • Tägliche Ausschreibung der Regelenergie
  • Ergänzung des Leistungsmarkts durch einen Markt für elektrische Arbeit

2. Transparenz und mehr Wettbewerb bei der Vergabe von anderen Systemdienstleistungen, z.B. Blindleistung, Schwarzstartfähigkeit

3. Abbau von Hemmnissen beim Lastmanagement

  • Reform von für das Lastmanagement kontraproduktiven Regelungen für Industriekunden bei Netzentgelt-Ausnahmen und Netzentgeltberechnungen
  • Zulassung von Intermediären bei der negativen Regelenergievermarktung
  • Abbau von Hemmnissen im Bereich der Umlagen und Abgaben für Power-to- Heat-Lösungen

4. Entgelt- und Abgabenbefreiungen für Eigenverbrauch so anpassen, dass die Anlagen
ihre Produktion am Strommarktpreissignal ausrichten

5. Stromspeicher als Netzbetriebsmittel zur Verringerung des Must-Run etablieren, z.B.
Schwungmassenspeicher für Kurzschluss- und Blindleistung, Kondensatorspeicher
für Blindleistung, Batteriespeicher u.a. für Regelleistung.

6. Technologische Speicher-Offensive („Innovationsinitiative Speicher“) in einer
Modellregion.

2. Fördert dieses System eher eine zentrale oder dezentrale Energieversorgung?

Eine Dezentrale Energieversorgung, EE müssen mehr Systemverantwortung übernehmen, Systemflexibilität über Lastmanagement, Kopplung EE („virtuelles Kraftwerk“) und Integration von Speichern. Großprojekte auch möglich (Offshore Windenergie)

3. Wie definieren Sie die Energiewende?

Ausbau erneuerbarer Energien (+Netze und Speicher), sowie mehr Energieeffizienz (in allen Bereichen wie auch Wärme und Mobilität)

Welches übergeordnete Ziel liegt dem Vorschlag zu Grunde? (Beispiel: 100% Erneuebare bis 20xx)

Energiewende als übergeordnetes Ziel: Ausbau erneuerbarer Energien auf 80 % bis 2050, Senkung der Treibhausgase um 80 % bis 2050 und deutliche Verbesserung der Energieeffizienz

4. Wie sieht die Finanzierung dieses Modells aus? Gibt es schon genaue Berechnungen dazu? Falls ja (bitte S. im Konzept angeben)

Keine genaue Berechnung der Finanzierung

5. Welche Energieform wird von diesen Änderungen am meisten profitieren und bei welchen sollte der Ausbau verlangsamt werden?

Alle erneuerbare Energien profitieren, vor allem Wind onshore, PV, Biomasse aber auch Offshore

6. Wie bringt dieses System Kostenwahrheit in den Markt? Werden externe Kosten beachtet?

Energiewende bringt Kostenwahrheit über EE

7. Wie sieht in Ihrem Konzept das Zusammenspiel der verschiedenen Energieformen aus? Gibt es sinnvolle Lösungen und die nötigen Anreize für den Ausgleich von Stromproduktionsschwankungen und zur Stromspeicherung?

Siehe 1.

8. Ist auch das Thema Wärme in Ihrem Konzept enthalten? Falls nein, warum nicht?

Siehe 1.
9.

Welche Rolle spielt die Möglichkeit von Bürgerpartizipation in dem Modell?

Grundsätzlich ist jede EE Ausweitung auch mit Bürger- Partizipation möglich

10. Wie stark spielt Klimaschutz und CO2 Reduktion eine Rolle in dem Vorschlag?

Siehe 3

Differenzierung
Ja
Teilweise
Nein
Technologiespezifisches Modell (unterschiedliche Energieformen werden unterschiedlich behandelt)
x
Regional differenziertes Modell (auf regionale Gegebenheiten wird Rücksicht genommen)
x
Technologieneutrales Modell
x
Vergütung
Ja
Teilweise
Nein
Einspeisevergütung (ct/KWh)
Zu prüfen
Marktprämie (ct/kWh)
Zu prüfen
Kapazitätsprämie (in €/KW)
x
Quotenmodell
x
Investitionszuschuss
Zu prüfen
Andere
Finanzierung
Ja
Teilweise
Nein
Umlageverfahren über Börsenstrompreis
Zu prüfen
CO2-Steuer
x
Über ETS/EU-Emissionshandel
x
Budget
x
Gesamtkosten bereits kalkuliert
x
Ganzheitlichkeit
Ja
Teilweise
Nein
Anreize für Energieeffizienz werden berücksichtigt
x
Schließt den Wärmesektor in den Betrachtungen mit ein
x
Schließt den Verkehrssektor in den Betrachtungen mit ein
x
Beinhaltet Lösungen und Anreize für den Ausgleich von Stromproduktionsschwankungen und zur Stromspeicherung
x
Klimaschutz ist Bestandteil des Modells
x
Dezentralität steht im Fokus
x
Investitionssicherheit besteht auch für kleine Akteure
x
Jährliches Ausbauvolumen begrenzt
x
100% Erneuerbare sind das oberste Ziel
x

Kommentar:

Bevor wir nicht alle Reformkonzepte abgefragt haben, kann ich mir noch keinen Überblick verschaffen, inwiefern die weiteren Konzepte den Ausgleich von fluktuierendem erneuerbarem Strom berücksichtigen. Einen Überblick zu den Konzepten, die wir abfragen, erhalten Sie im Blog von Andreas Kühl. Noch wissen wir nicht, ob alle Autoren mitmachen, die aus den Bereichen Wissenschaft, Politik sowie aus den Lobbybereichen der allgemeinen Industrie, der Erneuerbaren Energieindustrie und fossilen Energieindustrie kommen.

Die Grundidee in dem Konzept ist: Die Erneuerbaren Energien müssen nicht in das bestehende Stromsystem integriert werden. Vielmehr muss umgekehrt ein neues Stromsystem an den steigenden Anteil der Erneuerbaren Energien angepasst werden. Also soll ein Markt für Regelenergie geschaffen werden und es sollen Barrieren abgebaut werden. Dafür würde man „virtuelle Kraftwerke“ entwickeln müssen, um in diesem Markt Regelenergie verkaufen zu können. Mir erscheint es so, dass manche Gedanken aus dem Koalitionsvertrag teilweise durch dieses Konzept verwirklicht werden könnten – wobei ich sicherlich einige Haken und Ösen übersehe. Positiv finde ich auch, dass in diesem Konzept keine deckelnde Bremse enthalten ist, auch wenn es auch ergänzend an einem gedeckeltem Konzept funktionieren würde.

Im Koalitionsvertrag will man auch die wetterbedingten Schwankungen und die Nachfrage aufeinander abstimmen, jedoch beschreibt dort niemand wie dies finanziert werden soll. Dort wird angekündigt: „Wir werden prüfen, ob große Erzeuger von Strom aus Erneuerbaren Energien einen Grundlastanteil ihrer Maximaleinspeisung garantieren müssen, um so einen Beitrag zur Versorgungssicherheit zu leisten.“ Womit also für größere Unternehmen eine Pflicht zum Ausgleich angedacht ist, was über Lastmanagement erfolgen könnte. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ist im Koalitionsvertrag folgendes angedacht:

  • Damit die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien und die Stromnachfrage besser aufeinander abgestimmt werden, sind Flexibilitätsoptionen sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite auszubauen (insbesondere bei Kraftwerken und Erneuerbaren Energien, durch Lastmanagement, intelligente Zähler, lastvariable Tarife und Speicher).
  • Für die nächsten Jahre wollen wir die Netzreserve weiterentwickeln (Ausschreibungsmodelle auf Ebene der Übertragungsnetzbetreiber). Damit die Kosten für die Absicherung der wenigen Jahresstunden mit den höchsten Lasten begrenzt bleiben, können, soweit verfügbar, bestehende fossile Kraftwerke die Netzreserve bilden.
  • Um kurzfristige Risiken für die Versorgungssicherheit zu vermeiden, werden wir darüber hinaus dafür sorgen, dass die Bundesnetzagentur im Rahmen der anstehenden Untersuchungen auf Grundlage der Reservekraftwerksverordnung die Errichtung neuer regional erforderlicher Kraftwerkskapazitäten zügig prüft und gegebenenfalls sicherstellt.

Im Koalitionsvertrag wird gegenüber diesem Konzept mehr von Zwängen gesprochen, anstelle von einen marktwirtschaftlichen Wettbewerb um die Versorgungssicherheit. Wie aber genau die Kosten für diesen Regelenergie-Markt umgelegt werden, bleibt auch in diesem Konzept „zu prüfen“: Muss also noch entwickelt werden.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in diesem Konzept?
Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

Von |2018-12-28T13:58:01+01:0009 Dez 2013|Energiepolitik, Erneuerbare Energien|0 Kommentare

Über den Autor:

Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

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