Missverständnis: Ideale und Ideologie in der Energiewende

Wir haben viel geredet: für und gegen die Energiewende. Deutschland wurde zum hitzigen Stammtisch, und einsilbig wurde die Mär vom teuren Ökostrom in die Laien-Geister eingetrichtert. Der Klimaschutz liegt benommen unter dem Tisch und fühlt sich wichtig – warum wird man so seltsam angeschaut, wenn man diesen anspricht? Kann Klimaschutz „Idealismus“ sein? Werden wir für naive Gutmenschen gehalten, weil wir für den Klimaschutz noch immer eine umgehende Handlungsnotwendigkeit proklamieren?

Denken Sie wie ein Arzt: Wurde bereits zu Beginn der „lebensrettenden Sofortmaßnahmen“ aufgegeben, in der man unsere Zivilisation erhalten könnte? Das kann ich nicht einsehen. Und nun halten Sie mich für einen „hoffnungslosen Idealisten“?

Eine aufrichtige Diskussion um die Energiewende müsste zunächst einmal Geldströme und Besitzverhältnisse betrachten, um die anvisierte Blockade der Energiewende zu verstehen. Wenn jemand Rendite oder Marktstellungen schützen will, dann wünsche ich mir, dass dies auch offen und ehrlich kommuniziert wird. Und da bitte ich doch um Klarheit, welche politischen Weichenstellungen vor allem einzelnen Konzernen und welche tatsächlich unser aller Volkswirtschaft dienen. Scheinheilige Vorwände aber mag und will ich nicht mehr hören!

Klimaschutz ist pragmatisch
Wir können Klimaschutz rein mit unserer Vernunft denken – Yes, we can! Dafür sind erneuerbare Energien und Energieeffizienz schlicht die pragmatisch wichtigste Teillösung. In der bewusst desinformierenden Diskussion (siehe ÖkoEnergie-Blog, Klima Lügendetektor) werden aus meiner Sicht folgende Aspekte vernachlässigt:

  • Erneuerbare Energien haben volkswirtschaftliche Vorteile. Anstelle der teuren Importe von „Energieträgern mit Migrationshintergrund“ kann im ganzen Land die regionale Wertschöpfung aktiviert werden. Knapp 100 Milliarden Euro wurden 2012 in die Importe fossiler Energieträger investiert. Davon profitieren hier nur einzelne: Steinkohle-Importe kommen beispielsweise aus den USA und Russland, aber auch aus Kolumbien. Gas kommt überwiegend aus dem Osten und Öl aus dem arabischen Raum, aus Russland und den USA.

Die Frage ist also mehr: Wie bringt man erneuerbare Energien und Energieeffizienz mit den Industrien so unter einen Hut, dass diese in der Energiewende gesund bleiben? Jedes einzelne Unternehmen könnte an der Energiewende mitverdienen. Allerderdings müssten dazu die Energiekonzerne umstrukturiert und gesundgeschrumpft werden.

  • Erneuerbare Energien senken geostrategische Abhängigkeiten. Es ist ein strategischer Vorteil, wenn Schwankungen der Importpreise die eigene Volkswirtschaft nicht irritieren können. Auch wenn dies hier (scheinbar) seit dem zweiten Weltkrieg nicht passiert ist, werden Staaten wie die Ukraine gerne mal erpresst.
  • Erneuerbare Energien entschärfen internationale Ressourcenkonflikte. Es steht zu erwarten, dass der Verteilungskampf um fossile Ressourcen viele Nationen gegeneinander aufbringt. Und es steht Deutschland gut, dort nicht mitmischen zu müssen.
  • Eine Klimafolge werden bewaffnete Konflikte sein, worum sich auch der BND (ecoquent positions) und eine Metastudie sorgt. Diese können allerdings nur entschärft werden, wenn doch noch die Weltgemeinschaft beginnt, an einem Strang zu ziehen.
  • Unser Wirtschaftssystem ist direkt vom globalen Ökosystem abhängig. Vor dem Zusammenbruch des Weltklimas werden Wirtschaftskrisen zunehmen. So beschreibt es Paul Gilding in seinem soliden Buch „Die Klimakrise wird alles ändern, und zwar zum Besseren“. Der Australier, der einst NGOs wie Greenpeace International leitete, erwartet jedoch eine starke Lern- und Handlungsfähigkeit der Menschheit die durch den kommenden Leidensdruck aktiviert wird. Wenn Paul richtig liegt, bereiten wir heute mindestens einen Notnagel vor, wenn wir in diesem Bereich Methoden, Konzepte, Technologien und Bewusstsein entwickeln. Spätestens sobald das Wasser bis zum Hals gestiegen ist, wird man sich in diese Rettungsbote flüchten wollen.
  • Klimaschutz schützt die Gesellschaft – unsere Wirtschaft inklusive – im gesamten Ökosystem. Der Natur ist es egal, wenn die Spezies Mensch ausstirbt. Das restliche Ökosystem würde sich vielleicht schneller erholen, wenn wir schneller zum Aussterben verurteilt sind.

In der Energiewende gibt es für mich auch ideelle Aspekte: Ideale wie Gerechtigkeit und Demokratie meine ich. So ist ein Rückgang oligopolistischer Strukturen zugunsten dezentraler Energiebürger gut für unsere Demokratie. Die Verteilungsfrage zwischen reichen und armen Ländern hat etwas mit der Idee der Gerechtigkeit zu tun. Es gäbe dazu bereits Ansätze für einen Täter-Opfer-Ausgleich. Verursachende Industriestaaten müssten einen Schadensersatz für Klimafolgen bezahlen. Stimmt die Intuition, dass harte Ökonomie „real“ und Naturwissenschaftliches „ideal“ ist, sobald es die Wertschöpfung verlässt?

Idealismus richtig verstehen

  1. Idealismus wird häufig als etwas selbstloses, ehrenwertes und auch unrealistisches verstanden. Die wissenschaftliche Einsicht „Klimawandel“ ist naturwissenschaftlich realistisch: Es ist nicht „selbstlos“, wenn Unternehmer wie Alois Wobben mit Windkraftanlagen reich werden. Es ist aber ehrenwert, wenn diese Windräder als Teillösung der Klimaproblematik dienen.
  2. Idealismus ist vernunftgeleitetes Handeln: Der Philosoph Oskar Schwemmer definiert Idealismus als

    „vernünftige, verlässliche und verbindliche Überlegungen,
    die unser Handeln begründen und regeln können und sollen.“

    Ein idealistisches Beispiel wäre also, dass die Wissenschaft ein Problem wie den Klimawandel beschreibt und die Gesellschaft unter Federführung der Politik aus diesem Grund entschieden handelt.

  3. Ist menschliches Verhalten durch Vernunft geleitet?
    Nein. Das Problem vernünftiger Idealisten ist, dass menschliches Verhalten überwiegend durch unbewusste Motive und das Belohnungssystem im Hirn geprägt wird. Dieses Belohnungssystem kann beispielsweise bei Kontrollgefühlen durch Wirtschaftskraft anspringen. Die Vernunft spielt in neurowissenschaftlichen Beschreibungen nur eine schwache Rolle. Eine Einsicht ist bei weitem noch nicht ausreichend, um Verhalten zu ändern. Vernünftiges Handeln ist unrealistisch, auch wenn bei dieser Aussage Helmut Schmidt die Zigarette aus der Hand fallen würde.

Die berechtigte Kritik am Idealismus müsste also lauten:

Ihr erwartet doch nicht ernsthaft, dass Menschen als Gesellschaft vernünftig handeln können,
und es muss so gestaltet werden, dass auch individuelle Bedürfnisse befriedigt werden.

Ideologien richtig verstehen
Eine Ideologie ist die Summe von Zielvorstellungen. Positiv würde man von einer Vision oder einem Leitbild sprechen, sobald es in gemeinsame Worte gefasst worden ist. Missverstandene Ideologie aber entsteht im Umgang mit ideologischen Konflikten. Es gibt immer gesellschaftliche Gruppen, die andere Vorstellungen und Wertemuster in sich tragen.

  1. Kompromisslosigkeit ist gesellschaftlich problematisch. Wer etwas ohne Kompromisse diktieren will, wird immer auf Widerstand treffen. Jemanden zu überzeugen, ist immer besser. Dafür ist es gut, eine Konsensmenge zu finden, das wechselseitige Verständnis zu schulen und auf die unbewussten Triebfedern einzugehen. Es ist also zunächst darauf zu achten, dass individuelle Bedürfnisse gestillt werden, um überhaupt Aspekte des Klimaschutzes einbringen zu können.
  2. Verwechslung von Mensch und Meinung. Der Schweizer Jean Ziegler, der im UN-Menschenrechtsrat mitwirkt, hat es klar gesagt: Es kann gut sein, eine „Sache“ zu hassen. Aber niemals sollte man die Menschen hassen, die in diese unbeliebte Sache oder besser in dieses Verhaltensmuster involviert sind. Insbesondere Vorwürfe gegenüber unbewusstem Verhalten sind falsch und führen zu nichts.
  3. Ungebremstes Wirtschaftswachstum und Klimaschutz sind jeweils Ideologien. Teilweise decken diese sich, teilweise gibt es widersprüchliche Ziele, sobald naturwissenschaftlich beschreibbare Grenzen des Wachstums erreicht (oder überschritten) sind.
  4. Selbstüberschätzung: Die Utopie liegt in der Annahme, dass der Zielkanon einer Ideologie alle Zusammenhänge in der Welt berücksichtigen könne. Beispielsweise kann Wissenschaft als Ideologie verstanden werden. Sokrates wusste, dass er nichts weiß und zeigt darin Intelligenz, nämlich Einsicht und kritisches Bewusstsein. Anders herum ist jeder dumm, der den Anspruch auf ein allumfassendes Verständnis vortäuscht oder sich gar einbildet. Es braucht Demut und Courage, um dennoch handeln zu können.

Wie sehen Sie das? Sind erneuerbare Energien und Energieeffizienz für den Klimaschutz etwas Idealistisches?

About the Author:

Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

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