PV-Pilotausschreibung bereits gescheitert

Aus Hamburg habe ich von der Renewable Energy Finance 2015 gleich Lesefutter für zwei Artikel mitgebracht. Im Nachbarhochhaus des „Spiegels“ wurde intensiv über die PV-Ausschreibungen beraten. Während gestern das Wirtschaftsministerium die Konsultationsphase für die „Pilotphase“ der Ausschreibung auf Freiflächenanlagen begonnen hat, gab die Konferenz bereits eine klare Antwort: Sechs von sechs Podiumsgästen haben das Verfahren als ungeeignet bewertet.

Bei Abstürzen von Testballons werden Ideen verworfen – wenn es ein echt gemeinter Test wäre. Die noch florierende Windenergiebranche sollte nun weiterlesen. Diese soll Gerüchten zufolge als nächstes mit dieser Methode entkernt werden.

Minister aus Goslar ist verantwortlich „Sigmar Gabriel 2014“ von Michael Thaidigsmann - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons.

Minister aus Goslar ist verantwortlich
Bild: „Sigmar Gabriel 2014“ von Michael ThaidigsmannEigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons.

Berlin begründet die Ausschreibungen mit EU-Beihilferichtlinien – es steht also schon fest. Offenbar geht es um Investitionsbeihilfe finanzstarker Marktteilnehmer. Die vorgeschobenen offiziellen Ziele der Ausschreibungsmethode werden klar verfehlt:

1. Der Wettbewerb macht es nicht billiger

Aus Investorensicht ist eines klar: Entweder gute Rendite bei Risiko oder schlechte Rendite bei Sicherheit. Die Kompetenz des Wirtschaftsministeriums aber hofft auf schlechte Rendite bei gestiegenem Risiko. Nein. Das Risiko wird eingepreist werden. Wer kann das Risiko tragen?

2. Die Akteursvielfalt schrumpft mit den Ausschreibungen

Das Risiko können nur größere Projektierer und Energieversorger tragen = die Akteursvielfalt schrumpft. Bürgerenergie-Initiativen und mittelständischen Unternehmen wurde bei der Tagung auf einer Hamburger Elbinsel eine strategische Partnerschaft mit Energieversorgungsunternehmen nahegelegt. Diesen Akteursverlust nennt man dann eine Konsolidierung des Marktes. Ganz im Geist der einst weltmeereumspannend handelnden Hanse.

An dieser Stelle könnte ich den Artikel beenden, wenn ich nicht noch etwas besseres im Köfferchen hätte.

Der Vortrag des Lüneburger Professors Dr. Heinrich Degenhart präzisiert und unterfüttert die beiden Aussagen. Der eher kleinere Mann mit Schnauzbart hatte bereits den Flugschreiber des abgestürzten Testballons ausgewertet. Er erinnerte mich an Asterix mit Anzug und hielt den besten Vortrag des Tages. Degenhart befragte Projektierer und Investoren. Die Antworten sprechen eine klare Sprache:

Investoren und Finanzierer lassen die Ausschreibungen kalt

Sobald man den Zuschlag hat, ändert sich aus Sicht dieser Geldgeber wenig. Dann ist die Einzahlung sogar sicherer als zuvor, da die Absenkung der Vergütung zwischen Kreditgenehmigung bis zur Inbetriebnahme entfällt. Wenn die Ausschreibung gewonnen wird.

Man rechnet mit mehr Geld für den Solarstrom

Eine höhere Rendite scheint möglich zu werden. Die Marktakteure rechnen mit Zuschlägen in der Nähe der Obergrenze. Die im Ausland gemachten Erfahrungen bestätigen dies teilweise.

Projektierer halten die neuen Risiken für überschaubar

Die zusätzlichen administrativen Kosten werden nicht die Geschäfte verhindern. Wofür der Zuschlag auf die Gebote erteilt wird ist noch unklar. Man wartet erst einmal ab. Für die vorab gemachten Zahlungen (Sicherheitsstellung) wird mehr Kapital benötigt. Man braucht mehr Geld: Die Erstsicherheit von bis zu 40.000 € können viele noch selbst einzahlen. Die Zweitsicherheit von bis zu 500.000 € pro Gebot werden schon eher zum Engpass. Es werden also eher weit entwickelte Projekte geboten, in denen bereits die Vorleistung enthalten ist und ungewiss bleibt, wann die Umsetzung folgen kann.

Es werden nur größere Marktteilnehmer bieten können

Wer viele Projekte macht, der kann Verluste aus den Vorlaufkosten verlorener Ausschreibungen tragen. Ohne Bankbürgschaft kommen nur finanzstarke Anbieter aus. Bankbürgschaften werden erst ab der Bonität des Corporate Levels gegeben. Wer mehrere Projekte hat kann seinen Zuschlag auch auf anderen Flächen nutzen. Kleinere können nur mit finanzstarken Partnern mitmachen.

Kleinere Firmen und Bürger haben als Gelegenheits-Projektanbieter wegen der Gefahr verlorener Vorlaufkosten nur eine Chance in Zusammenarbeit mit Investoren, die die Vorlaufkosten finanzieren, das Ausschreibungsrisiko tragen und die notwendigen Avale beschaffen können. Anstelle der klassischen Bürgerenergiewender werden institutionelle Investoren und Energieversorgungsunternehmen neu in diesen Markt vorstoßen.

Was erwarten Sie von der Bundesregierung?
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About the Author:

Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

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