Bioenergie und grüne Gentechnik

Die Menschheit steht vor einer der größten Herausforderungen ihrer Geschichte – in nur wenigen Jahrzehnten muss die globale Energieproduktion klimaneutral und nachhaltig erfolgen. Nimmt man die Beschlüsse der Pariser Klimakonferenz ernst, kommt man an dieser Schlussfolgerung nicht vorbei. Einer der vielen Ansätze, sich von der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu lösen ist die Nutzung von Bioenergie, zum Beispiel in Form von Biogas. Fährt man über Land, wird durch die hohe Anzahl von Biogasanlagen nur allzu deutlich, mit welchem Nachdruck man diesen Ansatz in Deutschland verfolgt.

Neulich hat Kilian mich gefragt, was ich von der Idee halte, grüne Gentechnik im Bereich der Bioenergie einzusetzen. Er habe ein schlechtes Gefühl dabei und wüsste gerne, wie ich als Ökologe die Nachhaltigkeit von gentechnisch veränderten Pflanzen beurteile. Wie sieht es also mit der ökonomischen, sozialen und ökologischen Verträglichkeit aus?

Ökonomisch:

Einer der Hauptgründe für die Entwicklung transgener Pflanzen war ein höherer Ertrag durch verbesserte Widerstandskraft (Resistenz) gegen Schädlinge und Herbizide. Auch die Gesamtmenge der notwendigen Pestizide sollte sinken. Trotz höherer Preise für das Saatgut sollten die Gesamtkosten auf diese Weise gesenkt werden. Gerade beim Mais, eine der wichtigsten Bioenergiepflanzen, hat sich gezeigt, dass diese Versprechen so nicht eingetroffen sind.

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Erste Maisschädlinge entwickeln Resistenzen
By Keith Weller [Public domain], via Wikimedia Commons

Hierzu muss man wissen, dass, auch wenn die Bauern weniger Pestizide einsetzen, die Menge der Pestizide auf dem Feld höher sein kann als beim Anbau konventioneller Pflanzen, weil der genetisch veränderte Mais selbst Toxine gegen seine Fraßfeinde produziert. Statt im Bedarfsfall gezielt eingesetzt zu werden, sind die Substanzen also durchgängig auf dem Feld präsent. Durch den ständigen Kontakt mit dem Gift wird die Entwicklung von Schädlingen gefördert, denen diese Substanz nichts mehr ausmacht.

Auch der Anbau herbizidresistenter Sorten, die im Gegensatz zu „Unkräutern“ eine Behandlung mit Glyphosat überstehen, kann sich förderlich auf die Entwicklung von Resistenzen auswirken. Mittlerweile ist das auch als „Roundup“ bekannte Unkrautvernichtungsmittel das meist eingesetzte Pflanzengift der Welt. Längst gibt es auf den Feldern unerwünschte Pflanzen, die sich von dieser Substanz nicht mehr beeindrucken lassen.

In den USA gab es nur während der ersten drei Jahre nach Beginn des Anbaus dieser transgener Maispflanzen einen geringfügigen Rückgang der Pestizidnutzung. Seitdem ist die Menge kontinuierlich gestiegen, und zwar mit jährlichen Wachstumsraten bis zu 27 %. Sehr schnell haben sich bei Schädlingen und Unkräutern Resistenzen gegen die von Bauern eingesetzten und von den Pflanzen selbst produzierten Pestizide entwickelt.

Selbst wenn sich in anderen Fällen Resistenzen langsamer entwickeln sollten, zeigt dieses Beispiel, dass die zu erwartenden ökonomischen Vorteile allenfalls kurzfristiger Art sind. Noch dazu muss man das Risiko in Kauf nehmen, die Wirksamkeit von Pflanzenschutzmitteln schneller zu reduzieren.

Sozial:

Wenn man von grüner Gentechnik spricht, meint man in aller Regel genetisch veränderte Hybridsorten für die industrielle Landwirtschaft. Kleine Selbstversorger, insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern, können sich das teure Saatgut meist nicht leisten. Dazu kommen noch die Kosten für Kunstdünger und Spezialpestizide, ohne die keine hohen Erträge zu erzielen sind. Für die meisten Kleinbauern und natürlich Bio-Produzenten kommen diese Sorten also nicht infrage, dafür sind sie allerdings dem Risiko juristischer Auseinandersetzung ausgesetzt. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Klagen der Saatgutkonzerne gegen einzelne Bauern, in deren selbst produziertem Saatgut Spuren der Gene von Pflanzen der angrenzenden Felder gefunden wurden.

Auch wenn man diese rechtlichen Aspekte außer Acht lässt, können sich andere Schwierigkeiten ergeben. Sollte die Auskreuzungen über den in Europa vorgeschriebenen 0,9 % liegen, muss die gesamte Ernte als gentechnisch verändert deklariert werden. Zumindest hierzulande ist die Verbraucherakzeptanz so niedrig, dass eine Vermarktung als Lebensmittel nicht mehr möglich ist. Als Viehfutter oder Industriegrundstoff sind die zu erzielenden Preis jedoch erheblich niedriger. Für Kleinbauern kann dies existenzbedrohend sein.

Sollten auf breiter Front genetisch veränderte Pflanzen zur Produktion von Bioenergie in Deutschland eingesetzt werden, halte ich einen erheblichen Widerstand aus der Bevölkerung und von Seiten der Umweltschutzverbände für wahrscheinlich. Die ohnehin schon kontrovers diskutierte Biogasproduktion in Deutschland (Stichwort: „Vermaisung“ der Landschaft) würde weiter an Rückhalt verlieren.

Ökologisch:

Die Auskreuzung genetisch veränderter Pflanzen mit ihren nicht veränderten Verwandten hat neben der eingeschränkten Vermarktbarkeit auch noch andere Auswirkungen. So werden im ökologischen Landbau und auch von Kleinbauern in Entwicklungsländern häufig samenfeste Sorten oder Landrassen angebaut. In beiden Fällen kann ein Teil der Ernte im nächsten Jahr wieder ausgesät werden. Macht man dies mit den genetisch veränderten Hybriden, verlieren sie einen Teil ihrer Eigenschaften und produzieren einen deutlich geringeren Ertrag. Dies ist jedoch nicht das ökologische Problem, das sich aus den Auskreuzen gibt.

Die eigentliche Schwierigkeit entsteht durch den Verlust von Biodiversität. So sind Landrassen zum Beispiel Sorten, die durch bäuerliche Selektion an die gegebenen Standortbedingungen angepasst wurden. Dies kann Faktoren wie Dürreresistenz, Schädlingsunempfindlichkeit und die Unabhängigkeit von Kunstdünger umfassen. Landrassen produzieren üblicherweise keine besonders hohen Ernten, bieten jedoch eine hohe Ausfallsicherheit. Auskreuzungen gefährden diese regional sehr unterschiedlichen Anpassungen und gefährden die Resilienz der Bauern.

Aber auch außerhalb der Landwirtschaft entstehen durch Auskreuzungen ökologische Probleme. So ist zum Beispiel dokumentiert, dass in Mexiko, Ursprungsland der meisten Mais-Wildformen, bereits in vielen Wildarten Transgene der genetisch veränderten Maissorten vorkommen. Hierdurch kann sich der Genpool, der für die Züchtung neuer Arten zur Verfügung steht, verkleinern. Die züchterische Anpassung an sich ändernde Anbaubedingungen, wie zum Beispiel durch den Klimawandel, wird dadurch immer schwieriger. Die Auswirkungen auf das Ökosystem, in das diese Gene eingeschleppt wurden, sind dabei unabsehbar.

In Deutschland hat Mais keine wilden Verwandten mit denen er sich aus kreuzen könnte. Aber auch hier könnte die Biodiversität durch den Anbau genetisch veränderter Pflanzen gefährdet sein. Raps, wichtigste Pflanze zur Produktion von Biodiesel, kann sich mit zahlreichen verwandten Kreuzblütlern hierzulande auskreuzen. Längst gibt es auch transgene Rapssorten, auch wenn diese hier (noch) nicht zugelassen sind. Im Gegensatz zum Mais, können Rapssamen jedoch den hiesigen Winter überstehen. Sind die Transgene also einmal im System, wird es praktisch unmöglich sie wieder zu entfernen. Selbst wenn die Landwirte nur noch „sauberes“ Saatgut anbauen, wird es immer wieder zu Auskreuzungen mit den jetzt transgenen wilden Verwandten kommen. Massive Veränderungen des Ökosystems wären als Folge ebenfalls nicht auszuschließen.

Fazit:

Mit den von mir angeführten Beispielen möchte ich einige reale Probleme verdeutlichen, die bereits jetzt durch den Anbau transgener Pflanzen entstanden sind und warum ich ihren Einsatz, auch zur Produktion von Bioenergie, sehr kritisch sehe.

  • Ökologische Vorteile durch Pestizideinsparungen entstehen allenfalls kurzfristig und werden durch Gefährdung der lokalen und globalen Biodiversität zunichte gemacht.
  • Bauern, die beim Anbau genetisch veränderter Pflanzen nicht mitmachen wollen oder können, haben große Nachteile zu befürchten bis hin zum Verlust ihrer Existenzgrundlage.
  • Die Akzeptanz von Bioenergie würde weiter sinken.
  • Der Verlust von Wildsorten, Landrassen und samenfesten Sorten macht die Landwirtschaft anfälliger gegen sich ändernde Umweltbedingungen.

Auf dieser Basis kann ich die Nutzung grüner Gentechnik allgemein, und für die Bioenergieproduktion im Speziellen, nur als nicht nachhaltig einschätzen.

Über den Autor:

Der studierte Ökologe beschäftigt sich mit Botanik, ökologischen Modellierungen und setzt sich für nachhaltige Entwicklung ein. Derzeit arbeitet er für SUSTAINMENT im Bereich der Wissenschaftskommunikation.

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