Problemverkäufe in Energiewirtschaft

Interview-QuaschningKann man Probleme verkaufen? Logischer Weise ist dies möglich, wenn es denn jemand kaufen will oder dazu gedrängt wird. Es ist wie bei dem Verkauf eines alten Autos, dem keine TÜV-Plakette ausgestellt werden kann. In den vergangenen Tagen gab es überraschende Schlagzeilen mit einer Gemeinsamkeit: Energiekonzerne wollen sich problematischer Geschäftsfelder entledigen. Vielleicht erhoffen sich Strategen in Konzernzentralen, dass so am Ende der Ruf sauberer werden könne. Entlasten solche Problemverkäufe unsere Gesellschaft? Nein. Eventuell kommt es durch Abwälzungen sogar zu weiteren Belastungen.

Ich wünsche mir eine echte Lösung dieser Probleme. Dieses Ziel ist meine Bewertungsgrundlage. Die Sicht in den betroffenen Unternehmen mag aus betriebswirtschaftlichen Gründen eine ganz andere sein. Ebenso wird die volkswirtschaftliche Bewertung anders als die einzelner Unternehmensgruppen ausfallen.

Wege zu gesunder Energie sind Allgemeinwissen

KohlekraftWenn die Summe der Kollateralschäden im Energiesektor sinken soll, dann müssen stark schädliche Technologien abgeschaltet werden und durch weniger schädliche Alternativen ersetzt werden. Alle Schritte in der Ökobilanz der nuklearen und der fossilen Energiegewinnung haben klar unerwünschte Folgen.

Dieser alte Hut beginnt in den Abbaugebieten: Sei es das Uran, dass die Gesundheit der Arbeiter beispielsweise in Tansania, Namibia oder Mali gefährdet. Oder die Braunkohlewüste in der Lausitz. Dort waren wir als Studenten und wurden Zeugen der vollständigen Auslöschung von Flora und Fauna, die sich als Kulisse für die Verfilmung der Mondlandung eignet. Mit jedem verbrannten Barrol wird die Förderung von Gas und Öl schädlicher, da die Reserven zunehmend schwerer erschließbar sind. Die Transportwege der Energieträger führen bei Unfällen zu Katastrophen. Die bereits passierenden Klimafolgen können bald wieder in den Medien aufgegriffen werden, wenn ein weiterer Klimagipfel stattfindet oder aktuell der IPCC-Bericht thematisiert wird. In einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne wird der unverbindliche gute Wille vieler Konzerne zur Schau getragen. Schön, wenn das Thema überhaupt erwähnt wird. Auch die nukleare Risikopalette ist anhand von historischen Negativbeispielen ausreichend bewiesen worden.

Ich wiederhole dieses Allgemeinwissen, um an den Bedarf einer globalen Energiewende zu erinnern. Auf der einzelbetrieblichen Ebene gilt daher:

Wenn Energiekonzerne sauber werden wollen, müssten schmutzige Teilbetriebe eingestellt werden
und der Geldfluss in die vielen Alternativen gelenkt werden.
Das ist der alternativlose Maßstab.

„RWE und E.ON wollen Anteile an Uranfirma verkaufen“

So berichten die Kollegen des Blogs der Naturstrom AG. Das ich Sie hier nicht mit dem Geschwafel eines Idealisten langweile zeigt ein Bericht in der Süddeutschen: Sogar der BND sei alamiert, da unter den etwaigen Bietern manche Akteure den Schlüssel zur Atombombe finden könnten. Dieser Problemverkauf kann zu Nuklearterrorismus oder der Aufrüstung mit der Abschreckungswaffe führen. Ich würde in diesem Moment lieber ein Kinderbuch schreiben. Nun plädiere ich für die Einstellung solcher Teilbetriebe. Dies mag sich in den Ohren der Aktionäre absurd anhören, da ich darum bitte auf den Kaufpreis von bis zu 10 Milliarden Euro zu verzichten.

„Neuer Vattenfall-Chef will Braunkohle loswerden“

Unterschiedliche Berichte auf energiezukunft.eu, Leipziger Zeitung oder finanzen.net beschreiben den Verkauf eines Imageproblems. Mit diesem Verkauf würde man ein inzwischen unrentables Geschäftsfeld abstoßen. Die einzige saubere Lösung aber wäre die Aufgabe des Betriebes. Kann dieser Vorschlag durch die Anteilseigner der ehemaligen schwedischen königlichen Wasserfallbehörde akzeptiert werden? Würde dem entgegen ein Käufer die Aktivität fortsetzen, geht auch die Umweltzerstörung zunächst weiter, bevor die mögliche Insolvenzmasse durch den Staat aufgefangen werden könnte. Zur Einstellung des Teilbetriebes gehören Alternativen für die betroffenen Arbeiter. Wie wäre es mit Tätigkeiten im Bereich der erneuerbaren Energien oder der Energieeffizienz?

„Umweltministerin Hendricks will Kohlekraftwerke vom Netz nehmen“

Es gab auch einen erfreulichen Bericht des Wallstreet Journals. So soll die Ministerin Hendricks richtig folgendes festgestellt haben:

“Es wird nicht anders gehen, als dass wir Kohlekraftwerkskapazitäten abbauen”

Laut dem Bericht wolle angeblich Minister Gabriel 10 GW Kohlekraft abschalten. Ob dies das richtige und ausreichende Maß ist, ist mir noch unklar. Aber der Trend geht in die richtige Richtung. Man muss nicht nur erneuerbare Kapazitäten aufbauen, sondern auch Kohle und Kernkraft vom Netz nehmen, um die Energiewende zu meistern. Mit welchem politischen Deal kann dies den Energiekonzernen abgerungen werden?

„Umweltminister Wenzel: RWE und Eon erpressen Staat und Gesellschaft“

„Die Klagelawine von E.ON, RWE und Vattenfall gleicht einer Erpressung und ist eine schwere Belastung für alle Bemühungen, den sicherheitsorientierten Ausstieg aus der Atomenergie und die Probleme der Lagerung des Strahlenmülls konstruktiv zu diskutieren“

So soll sich der fleißige und meist etwas müde aussehende niedersächsische Minister Wenzel nach Berichten von finanzen.net geäußert haben. Der Vorwurf ist mit einer Klagewelle begründet worden. Energiekonzerne sehen manche Lagerkosten bei der Allgemeinheit. Mit den Renditen war das anders. Auch wenn in diesem Sinne der Staat zugunsten des Gemeinwohles handeln sollte, gibt es ein historisches Detail. Man findet es in Claudia Kemferts Buch „Kampf um Strom“ und auch in der ARD-Doku „Die Macht der Stromkonzerne„: Vor Jahrzehnten soll es politische Zugeständnisse an die damalige Kohleindustrie gegegeben haben, welche die heute die Haftungsfrage mitbestimmt. Man hatte damals kein Interesse an einer in seiner Summe unrentablen Kerntechnologie.

Jetzt Lösungen finden

Es bleibt spannend. Um die Probleme zu lösen müssen sauere Äpfel verteilt werden. In diese Äpfel müssen bald manche beißen. Verkaufte Probleme sind keine Lösungen. Vielleicht findet sich ein Kompromiss, in dem die traditionellen Energiekonzerne und die Gesellschaft gemeinsam die angebrannte und strahlend-bittere Suppe auslöffeln. Bitte würgt diese verkochte medizinisch notwendige Kröte schnell genug herunter. Wir haben bereits mehr als genug ungesunde Folgen.

Welche Handslungsoptionen sehen Sie für die Energiekonzerne?
Wie lässt sich das Dilemma zwischen Unternehmensinteressen und Gemeinwohlinteressen lösen?

 

Ich freue mich auf Ihre Meinung!

Über den Autor:

Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

2 Kommentare

  1. […] Jahr 2012 wurde gemeldet, dass Vattenfall sauber werden will. Jedoch kann man durch den Verkauf von Problemen normaler Weise nicht sauber werden. Dies ist nur dann möglich, wenn das „Henne-Ei“ Problem der Betriebswirte gelöst […]

  2. heinbloed 10. November 2014 um 12:28 Uhr - Antworten

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