5 Gründe, warum die Wende für Energiekonzerne so schwierig ist

E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW haben eines gemeinsam: Sie gelten als Verhinderer und Bremser der Energiewende. Stimmt das eigentlich? Lass uns darüber nachdenken, bevor ein leichtfertiges Stammtisch-Ja ertönt. Ich gehe davon aus, dass bei den Energieversorgern kluge Menschen arbeiten. Warum also sollten diese die Energiewende bremsen? Die Antwort ist einfach: Es gibt ökonomische und strategische Gründe, die den Wandel für Energiekonzerne so schwierig machen. Deshalb verglich RWE-Chef Peter Terium Energiekonzerne mit einem Ölfrachter, der sich bei voller Fahrt auf hoher See auch nicht mal so eben wenden lässt.

Einzelwirtschaftliche und volkswirtschaftliche Interessen sind selten das Gleiche. Leicht würden sich gute Gründe und Studien darstellen lassen, weshalb die Energiewende für die Volkswirtschaft klug ist. Das hilft nur nicht automatisch dem Energieversorger oder dem Verständnis für das Marktverhalten dieser traditionell dominierenden Akteure.

1. Damit sich Investitionen rentieren, muss man Kraftwerke so lange wie möglich
bei so vielen Volllaststunden wie möglich betreiben.

Verlohrene Einnahmen sind selten beliebt. Weniger Betriebsstunden zugunsten der Flexibilisierung reduzieren die Erlöse – wenn diese nicht durch höhere Preise oder eine Förderung wie die Kapazitätsreseve ausgeglichen werden. Noch mehr gefährden der Atom- und der Kohleausstieg diese ursprünglich eingeplanten Erträge. Wie brisant die Abschaltung konventioneller Kraftwerke aus Sicht der Betreiber ist, lässt sich allein durch die Anzahl, Leistung und die Baujahre der Kraftwerke ablesen. Dafür bitte die Kraftwerksliste der Bundesnatzagentur auswerten. Rechnen Sie mit einer Betriebsdauer zwischen 30 und 40 Jahren, um die maximale Rendite für Betreiber zu erahnen. Auf so etwas verzichtet man ungerne.

2. Wenn man konventionelle Kraftwerke entfernt, dann entfallen die Einnahmen
aus vor- und die nachgelagerten Produktionsketten.

Die Betriebe können also vom Abbau, über die Logistik bis in zur Leitung durch Übertragungsnetze ein Interesse am Erhalt der Rendite dieser einzelnen Betriebe haben. Dies hat Hermann Scheer in seinem Buch „Der energethische Imperativ“ auf Seite 60 analysiert. Wir durften die Passage auf SUSTAINMENT´s Blog veröffentlichen. Auch wenn die Übertragungs-Netzbetreiber unabhängiger als früher sind, betreiben Vattenfall und RWE noch immer den Abbau von Braunkohle. Die Stuttgarter TransnetBW GmbH gehört noch immer zu 100 % der EnBW. Em Besten entflochten ist E.ON.

3. Mit großen zentralen Einheiten kann man leichter die Marktmacht halten.

Überlegen Sie sich wie viele Windräder anstelle eines Großkraftwerkes gebaut werden müssten, um die gleiche Marktmacht zu halten. Durch die Ausschreibungen ab 2017 wird dies für große kapitalstarke Unternehmen erleichtert. Auch der Run auf die Grundstücke ist ein sehr mühseliges Geschäft. Sprechen Sie auch mit den Initiativen der Windkraftgegner – auch die Akzeptanz ist kein Selbstläufer.

4. Kommunale Beteiligungen an Energiekonzernen sind wichtig für kommunale Kassen und Arbeitsplätze.

So ist ein Viertel der RWE in kommunaler Hand. Entsprechend werden RWE´s Interessen zu den Interessen jener beteiligter Kommunen. Damit kann man auch Ursachen der jüngsten Diskussion um den Polizeieinsatz im Braunkohletagebau Garzweiler erklären. Die EnBW gehört knapp zur Hälfte dem Land Baden-Würtemberg und zum gleichen Teil einem kommunalen Zusammenschluss. Zum Glück gibt es dort keine Kohlevorkommen. Auch der geringe Abbau von Uran ist in Menzenschwand seit 1991 Geschichte.

5. Anteilseigner erwarten schnelle Rendite

Um einen Konzern umzubauen braucht man imense Investitionen und einen langen Atem. Die Geduld der Anteilseigner ist gering. Stellen Sie sich Investoren wie Blackrock aus der Wallstreet vor: Meinen Sie, dass man sich dort mit einer mittelfristigen Rendite begenügt? Damit sind wir wieder bei Punkt 1, 2 und 3. Je älter ein Kraftwerk, desto rentabler. Wenn denn nicht der Überfluss an Strom die Preise in einen Dauertiefflug versetzt hätte. Und hier sind wir bei der Überleitung und einem Vorteil der Verknappung der Elektrizität per schrittweisem Kohleausstieg.

Es geht um Einfluss

Diese Gründe zeigen eines: Es geht um Geld und Einfluss. Beides sind für die Energiekonzerne überlebenswichtige Faktoren. Eine flotte Energiewende hinzu sehr viel erneuerbarer Energie ist für Energiekonzerne wirtschaftlich schwer. So schwer, dass diese aus strategischen Gründen nur mit angezogener Handbremse mitmachen. Es muss über den Einfluss gesprochen werden. Sonst kann Klimaschutz nicht schnell genug gelingen. Schnell muss es jedoch sein, denn wir haben nur diesen einen blauen Planeten. In diesen Worten warb auch Barack Obama für Dringlichkeit der Dekarbonisierung.

Nur mit Akteursvielfalt ist ein flottes Energiewende-Tempo möglich

Die Akteursvielfalt ist deshalb so wichtig, weil sonst nur ein „mach mal Langsam“ durch die alten lobby-politischen Kanäle geflüstert wird. Ich will genauer schreiben, was ich mit der Vielfalt meine. Akteursvielfalt bedeutet weit mehr als „die Bürgerhand“:

Akteursvielfalt heißt auch, dass es in der Zukunft in einem vollständig erneuerbaren Stromsystem E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW geben kann. Nur eine wie heute übermäßige Einflussphäre ist das Gegenteil der Akteursvielfalt. Entgegen aller Notwendigkeiten wird jedoch derzeit durch Ausschreibungen die bestehende Übermachtsstellung regulatorisch zementiert. Diese unausgewogene Einfalt ändert sich auch nicht durch die geplanten Aufspaltung von E.ON – noch würden die Aktienpakte eine Verbindung erhalten.

Akteursvielfalt braucht ebenfalls Kapital und stärkere mittelständische Player, die unabhängig von den in den Punkten genannten Hemmnissen sind. Dabei denke ich an größere Investments in eine erneuerbare Infrastruktur von Versicherungen und anderen institutionellen Investoren. Nur mit unabhängigeren Strukturen kann sich das Momentum in Richtung der Beschleunigung der Energiewende verschieben und endlich der Klimaschutz gelingen.

By |2018-12-28T13:57:42+00:0002 Sep 2015|Energiepolitik, Energiewende, Kohleaustieg|5 Comments

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Hier blogge ich zur Energiewende, Nachhaltigkeit und dessen Kommunikation. Als gelernter Mediengestalter und Ingenieur für Erneuerbare Energien betreibe ich die spezialisierte Kommunikationsagentur SUSTAINMENT.

5 Comments

  1. DEZ Moderator Hubertus Grass 10. September 2015 um 13:42 - Antworten

    Ich finde das journalistisch nicht sauber, wenn ich den aktuellen Stand der Überlegungen über die Ausgestaltung des Strommarktes des UM BaWü hier wiedergebe, dass Du hier konterst mit Beiträgen, die ein, zwei oder drei Jahre alt sind.

    In der Debatte um den Strommakrt 2.0 verfolgt niemand, den ich kenne, noch das gleiche Modell wie vor drei Jahren. Außer denen, die nie etwas hinzu lernen wollen.

  2. DEZ Moderator Hubertus Grass 10. September 2015 um 08:15 - Antworten

    Zu den Kapaziätsmärkten: Minister Untersteller (nicht der MP) setzt sich für einen fokussierten Kapazitätsmarkt ein – so viel Genauigkei sollte sein. http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-07/energiewende-energiesicherheit-franz-untersteller/seite-2 Da er schon seit mehr als 30 Jahren – u. a. durch sein Engagement im Öko-Institut für den Energiewende streitet – hätte er es verdient, dass man sich argumentativ mit ihm auseinandersetzt.
    Was ich kritisiere: Es hat nach 2012 einen fulminanten Wandel u.a. bei der EnBW gegeben, der sich im Artikel nicht wieder findet.
    Die Summe für die Lobbyarbeit: Das sind weniger als 0,1 Promille vom Umsatz: Da liegt jeder Solar- und Windanlagenhersteller weit darüber.
    Es ist nach wie vor wichtig, die Politik der großen Energiekonzerne genau zu beobachten. Genau – nicht pauschal.

  3. Hubertus Grass 9. September 2015 um 12:02 - Antworten

    Der Beitrag wäre bis 2011 tendenziell untertrieben – die vier Großen haben die Energiewende mit aller Macht hintertrieben. Spätestens seit 2012 hat sich aber einiges geändert. So ist die EnBW AG fast vollständig in öffentliche Eigentümerschaft gewandert und hat seitdem einen radikalen Kurswechsel hingelegt. Die Rendite ist nur ein Ziel neben anderen. Land und Kommunen in BaWü haben sich mehrfach zur Gestaltung der Energiewende bekannt. Man muss schon böswillig sein, wenn man die Änderungen nicht wahrnimmt und die großen EVUs als einen Block darstellt.

    Jüngst hat der Chef der EnBW dem Vorschlag einer Klimaabgabe für ältere Braunkohlekraftwerke applaudiert – ebenso wie die Energieblogger. Ich empfehle die Strategie 2020 der EnBW einmal zu lesen und dann mal zu recherchieren, was sich deren Verabschiedung getan hat. https://www.enbw.com/media/konzern/docs/strategie/enbw-2020-stand-maerz-2014.pdf

    Mit den Urteilen und Meinungen von früher kommen wir heute bei der Energiewende jedenfalls nicht weiter.

    • Kilian Rüfer 9. September 2015 um 16:29

      Vielen Dank für den Kommentar und den Link. Das Mastiaux die Klimaabgabe unterstützt hat finde ich in der Tat bemerkenswert.

      Mir geht es um die Reduktion der Emissionen. Wenn ich in die Kraftwerksliste schaue, dann stehen da bei der EnBW eine installierte Leistung von 3.143 MW aus Kohlekraftwerken. Weitere 250 MW sind in Reserve. In der Strategie 2020 finde ich unter den Produkten:

      „Effiziente, sichere Bereitstellung konventioneller Kraftwerksleistung“

      und den Hinweis, dass man bis 2020 aus „Erzeugung und Handel“ mit einem gesunkenen Gewinn vor den Abzügen von 1,2 auf 0,3 Milliarden rechnet. Ob dieser Wert aus billigem Kohlestrom oder weniger Kohlestrom entsteht geht daraus nicht hervor. Was es aber sagt ist, dass eigentlich ein guter Zeitpunkt für einen schrittweisen Kohleausstieg wäre, zumal man bis 2020 mit keinem Wachstum gerechnet hat. Von einem Kohleausstieg habe ich nichts gelesen. Warum bekennt man sich dazu nicht?

      Die Kraftwerke sind im Durchschnitt 25 Jahre alt. Mit welchem Alter sollen sie konkret abgeschaltet werden? Eine konkretes Ausstiegsszenario ohne Verkauf konventioneller Kapazitäten wäre ein handfestes Unterscheidungsmerkmal zu den anderen Energiekonzernen. Vattenfall und E.ON wollen in der Tat nur Verlagerungen. RWE will seinen Tanker nicht wenden und die Anteilseigner der EnBW wollen so schnell wie möglich wieder Geld verdienen.

      In der Strategie ist in der Tat eine Flucht nach vorne zu erkennen. Wer aber garantiert mir, dass es bei dieser Strategie bleibt? Kretschmann Wiederwahl steht in den Sternen. Landesziele und kommunale Ziele werden durch Bundesziele geschluckt und haben wenig verbindliches an sich (oder irre ich da?). Kretschmann selbst will die EnBW irgendwann wieder privatisieren. (http://www.welt.de/regionales/baden-wuerttemberg/article132142411/Kretschmann-will-EnBW-irgendwann-wieder-privatisieren.html) An der Stelle frage ich mich, ob sich Kretschmann für Kapazitätsmärkte ausgesprochen hatte, weil sein Haushalt von EnBW´s Rentabilität abhängt. Letztlich entscheidet bei allen Unternehmen die Renditeerwartung, die Anreize und Vorgaben des Bundes und die Marktentwicklung.

      Woran soll man ablesen können, dass bei der EnBW die Rendite nur ein Teilaspekt sein soll? Daran, dass man in 2014 nur noch 990.000 € in die Lobbyarbeit investiert hatte? https://www.lobbycontrol.de/2015/05/blackout-undurchsichtige-lobbyausgaben-der-energiekonzerne/

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