Immer wenn ich in Frankreich bin schreibe ich gerne über die hiesige Energiewende. Wie passend, dass der französische Nationalrat in der vergangenen Woche ein Energiewende-Gesetz verabschiedet hat. Nach einem Jahr Aushandlung hat man nun den groben Rahmen abgesteckt. In der Summe soll der Ausstoß von Treibhausgasen mit diesen Beschlüssen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent reduziert werden. Die konkrete Umsetzung soll bis September ausgearbeitet und beschlossen werden. Wie viel Energiewende steckt in der transition énergétique?

Hier im Süden am französischen Atlantik habe ich noch kein Windrad gesehen. Dafür aber sind wir an dem alten Kühlturm eines AKW´s vorbei gefahren. Daran stören sich wenige Franzosen. In kommenden Generationen werden die Nachteile deutlich werden: Der Rückbau der Kernkraftwerke und die Kosten der Abfalllagerung müssen noch finanziert werden. Im Strompreis sind dafür keine Umlagen enthalten. Liebe Freunde aus Frankreich: Kann gut sein, dass dafür Steuern steigen müssen.

Die Beschlüsse sind ein Sammelsurium aus Zielen. Konkrete Schritte zur Umsetzung wären mir sympathischer als Ziele. Mit den Zielen aber können immerhin Umsetzungsschritte eingefordert werden. Schauen wir uns die Beschlüsse an:

Energieeffizienz: gut

Teilsanierung_kleinBis 2050 soll der Energieverbrauch halbiert werden.

Dazu hat Umweltministerin Segolene Royal ein glaubwürdiges Paket ausgehandelt: Man setzt auf die wirtschaftlich sinnvollsten Sanierungszeitpunkte und hat geschafft, woran die deutsche Bundesregierung gescheitert ist.

  • Wer Arbeiten an der Fassade und am Dach vornimmt, der ist zu einer energetischen Sanierung verpflichtet.
  • Es gibt neue Steuererleichterungen für energetische Sanierungen.

Atomkraft: schlecht

AKW FrankreichDer Anteil der Atomkraft am Strommix soll in zehn Jahren von heute 75 auf 50 Prozent gesenkt werden.

Das ist alles Andere als ein Atomausstieg. Immerhin aber ist dies ein Anreiz tatsächlich mit den erneuerbaren Energien voran zu kommen.

Auch in Paris gibt es eine starke Energielobby. So verwundert es nicht, dass die Beschlüsse weder sagen ob, welche, wie viele und wann Atommeiler abgeschaltet werden, so berichtet die Tagesschau. Umweltorganisationen nennen dies „le grand flou“ – „die große Unschärfe“.

Auch Franz Alt vermisst den Atomaustieg und kritisiert dies scharf:

Vielleicht brauchen unsere westlichen Nachbarn erst ihr eigenes Tschernobyl oder Fukushima, um aufzuwachen.

Erneuerbare Energien: mittel

PV-Freifläche

  • Bis 2030 sollen erneuerbare Energien 32 Prozent des französischen Endenergieverbrauch decken.
  • Erneuerbare Energien werden mit 400 Millionen Euro gefördert.

Dekarbonisierung: interessant

Spannend finde ich folgendes Ziel: Der Anteil fossiler Energieträger wie Erdöl soll bis 2030 um 30 Prozent gesenkt werden. So etwas habe ich für Deutschland noch nie gesehen. Bei uns geht es meist eh nur um Strom. Wärme ist zu kompliziert und Mobilität hängt an Audi, VW, BMW und Mercedes. Es ist auch eine erkennbare Ansage an die Ölindustrie.

Bei den Zielen soll es sich um den Endenergieverbrauch handeln. Das wären Strom, Wärme und Mobilität. Leider liegen mir nicht die gesamten übersetzten Beschlüsse vor. Die dafür zuständige Quelle, das Deutsch-französischen Büros für erneuerbare Energien, muss leider diese Informationen mit einer pay-wall zurückhalten.

Wie weit ist die französische Energiewende heute?

Die Diskussion hatte in 2012 begonnen, da einige AKW´s mit ihrem Alter von 40 Jahren eh in die Rente müssen. Als ich in 2013 über die transition énergétique geschrieben hatte, stand bereits die Reduzierung der Kernkraft fest. Auch damals war es mir und den Umweltorganisationen zu atomfreundlich. Der politische Prozess ist sehr langsam. Ob die Konkretisierung der Beschlüsse wirklich im September diesen Jahres oder des Folgejahres kommen wage ich nicht zu prognositizieren.

Dennoch: Kleine Fortschritte sind auch Fortschritte die Anerkennung verdienen, auch dann wenn unsere Kritik erst mit der Zielerreichung von 100 % erneuerbaren Energien endgültig verstummen wird.