In dem Umfeld des zuständigen Ministers Peter Altmaier wurde aus seinem „Verfahrensvorschlag für die Energiewende“ nun ein Interview in der Wirtschaftswoche, in dem er seinen bremsenden Deckel für die Windenergie erneuert. Die Fertigstellung seines Bremssystems hat er nun auf „nach der Wahl“ verschoben. Als er im vergangenen Jahren die selben Ideen publizierte, ertönte ein kritischer Aufschrei derjenigen, die sich für ein klimaneutrales Energiesystem einsetzen. Vermutlich erntete er Wohlwollen aus den Lagern der Beschützer alter Geschäftsmodelle zur Vermarktung fossil-nuklearer Energie.

Altmaiers Idee ist, die derzeit günstigste erneuerbare Energiequelle, den Wind, durch eine Ausbaubegrenzung im Zaume zu halten – um Stromkosten zu begrenzen. Die billigste Quelle bremsen, um Preissteigerungen zu verhindern – ohne Worte – witzig! Zynik ist die Frucht ernüchternder Vorkommnisse. Wie sagt man so schön: „Es ist zu spät, ein Pessimist zu sein“. Weil es spät ist, fordere ich Füße vom Bremspedal! Diese politische Reiberei verschwendet Energie – machen wir einen Hybrid daraus.

Deckel drauf

Im Vermittlungsausschuss hatte Altmaier bereits den Deckel vom abgesägten Minister Röttgen durchgebracht und sagte gegenüber der Wirtschaftswoche: „Bei der Solarenergie ist es mir gelungen, einen Deckel einzuziehen. Das reicht aber nicht, wir müssen auch in anderen Bereichen gegensteuern“. Seine Sorge gilt dem Ausbautempo der Windenergie in Süddeutschland – also dort, wo man die Abschaltung von Kernkraftwerken in industriellen Ballungszentren ersetzen muss und meint das grün-rot regierte Baden-Württemberg: „Zurzeit werden sehr viele Windräder an Land gebaut, viel mehr als das in unseren Zielen vorgesehen ist. Vor allem im Süden und Südwesten weisen die Landesregierungen viel mehr Flächen für die Windkraft aus. Wenn wir nicht bremsen, treibt das die EEG-Umlage weiter nach oben.“

Das Argument der Stromkosten

Als Ziel werden einmal mehr die Stromkosten angegeben. Laut Wirtschaftswoche sagte Altmaier: „Man kann die Kosten des EEGs über die Jahre um einen dreistelligen Milliardenbetrag senken, wenn man das Gesetz ändert und wir den Ausbau erneuerbarer Energien besser steuern können.“ Gemeint ist eine Deckelung aller erneuerbaren Energiequellen inklusive Windkraft, wie es in seinem umstrittenen „Verfahrensvorschlag“ nachlesbar ist. Die Wirtschaftswoche bezog sich auf die im Februar publizierte schlagzeilentaugliche Berechnung, dass die Energiewende 1 Billion Euro kosten würde.

In den energiefacetten hatte ich bereits „Altmaiers Milchmädchenrechnung“ kritisch gewürdigt, nachdem ein Gutachten die Unzulänglichkeit der plakativen Zahl ermittelt hatte. Beim derzeitigen Ausbautempo könnten nach Angaben des Ministers bis zum Jahr 2040 Kosten von rund 680 Milliarden Euro durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz entstehen. Hinzu kämen Kosten für den Netzausbau und für Reservekraftwerke als Ersatz für Atomkraftwerke. Die Rechenwege und grundlegenden Zahlen wurden nicht veröffentlicht.

Das Gutachten der Wissenschaftler des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft war deutlich kritisch:

Bundesumweltminister Altmaier hat die Kosten der Energiewende auf eine Billion Euro beziffert – ohne jedoch auf die Komponenten und Methoden seiner Berechnung genauer einzugehen. Als eine belastbare Schätzung der Mehrkosten durch die Energiewende kann Herrn Altmaiers wenig transparente Zahl nicht dienen.

Die Rechnung des Ministers lässt sich in zwei Blöcke unterteilen. Als zentralen ersten Kostenblock betrachtet Herr Altmaier die EEG-Förderkosten im Stromsektor – wobei er wichtige Kostenrechnungskomponenten ignoriert und bisweilen unrealistische Annahmen zugrunde legt. Um die Mehrkosten des Ausbaus festzustellen, sollten stattdessen in einer systemanalytischen Betrachtungsweise die Stromgestehungskosten von konventioneller und erneuerbarer Energie verglichen werden. Die Zahl des Ministers zu den Differenzkosten der Stromerzeugung schrumpft dann um rund zwei Drittel.

Zusätzlich müssen bei einer gesamtvolkswirtschaftlichen Betrachtung die vermiedenen externen Kosten durch Umweltschäden in die Kostenrechnung aufgenommen werden. Allein 362 Mrd. Euro können dann dem Ausbau der Erneuerbaren bei der Stromerzeugung gutgeschrieben werden.

Daraus ergeben sich für den ersten Kostenblock, der die Differenzkosten der Erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung umfasst, nicht Mehrkosten in Höhe von 677 Mrd. Euro, sondern im Vergleich zu einem Konventionelle-Energien-Szenario eine Ersparnis von 159 Mrd. Euro.

Über den zweiten Kostenblock der „Billionrechnung“ in Höhe von 300 Mrd. Euro lässt sich aufgrund mangelnder Transparenz wenig Konkretes sagen. Wenn jedoch bei der Berechnung analog zum ersten Kostenblock verfahren wurde, steht zu vermuten, dass hier ebenfalls eine Vernachlässigung der Nutzenwirkungen der Energiewende vorliegt.

Auch viele Kollegen der Energieblogger, mit denen wir heute die Dachmarke der Energiebloggerszene bekannt gegeben haben, lassen wenig gute Haare an Altmaiers Bremsvorschläge, wie die folgenden Schlagzeilen andeuten:

Zur Strompreisdiskussion schwirren einige Vorschläge im politischen Raum. Zu dem Thema schreibe ich seit einiger Zeit: http://sustainment.de/?cat=14 Ich bin gespannt, ob es nun wirklich so sehr den Bundestags-Wahlkampf dominiert, wie es sich im Frühjahr abzeichnete. Die Erneuerung des Themas zähle ich zur Wahlkampf-Positionierung. Noch immer warte ich auf Positionierungen für den Klimaschutz – der auch im Hochwasser-Zusammenhang nicht aufgetaucht ist.